Impuls zum Fest des Herrn

Am Donnerstag haben sich die Vorsitzenden der Gemeinden und das Pastoralteam darauf verständigt, das Aussetzen unserer Gottesdienste noch einmal um mindestens zwei Wochen zu verlängern. Dann gibt es hoffentlich mehr Gewissheit in der Politik, wie es weitergeht mit der Pandemie. Es ist so schwierig, hier die richtigen Entscheidungen zu treffen, auch als Kirchengemeinde. Und da kommt es vor, dass jede Entscheidung irgendwie falsch ist oder bestenfalls das geringere Übel darstellt. Woanders lässt man Gottesdienste stattfinden und ist frustriert, weil kaum mehr jemand kommt.

Vielleicht geht es euch ähnlich wie mir: Ich sehne mich nach den Gottesdiensten vor Corona. Ich sehne mich nach euch, den Kindern und Jugendlichen und Erwachsenen in den Gemeinden; nach einem unbefangenen Kontakt mit euch und nach einer guten und tragenden Beziehung zueinander. Worauf kommt es an, wenn das gerade so noch nicht möglich ist? Was zählt? Was trägt? Was gibt uns Mut und Fantasie, zu leben und zu handeln?

Wir feiern am heutigen Sonntag den offiziellen Abschluss der Weihnachtszeit (und lassen den Weihnachtsschmuck noch bis Mariä Lichtmess in den Kirchen). Heute ist das Fest „Taufe des Herrn“. Jesus lässt sich taufen, um uns die Augen zu öffnen, wer wir sind. Wir sind getauft. Und das gilt! Und das wirkt! Auch wenn gerade kein Gottesdienst ist. Ich möchte sogar sagen: das gilt dann erst recht. Für jede und jeden einzelnen.

Wir sind getauft. Das gilt besonders in dieser Zeit, in der zu allem Corona-Übel noch u.a. das Chaos in Amerika dazukommt. Vielleicht als Warnung, was auch bei uns möglich ist, wo ebenso längst schon Demokratie verachtende Strömungen in den Parlamenten nach der Macht streben und dabei auf Verwirrung, Ausgrenzung und verbale Brandstiftung setzen.

Nicht mit uns! Denn wir sind getauft – zur Gemeinschaft mit allen Kindern Gottes. Was bedeutet das – für mich? Lebe ich so, dass ich erkennbar bin? …
Spätestens hier erinnere ich mich an Weihnachten: Gott wird Mensch, damit ich Mensch sein kann. Gott sagt mir in seinem Sohn von der Krippe bis zum Kreuz: „Du bist einzigartig. Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter. Ich kenne deine Sehnsucht, deinen ‚Durst’. Ich geh mit dir – durch dick und dünn.“ So ist Freundschaft, die Freundschaft Gottes. Mit mir! Wie also könnte ich dann diese Freundschaft anderen vorenthalten?

Freundschaft als Antwort auf meine Frage vorher: „Wir sind getauft. Was bedeutet das?“ Freundschaft als unser Bekenntnis, mit den anderen Menschen – selbst den ganz anderen – unterwegs zu sein, Hand in Hand. Taufe, das ist dann nicht die Bedingung, auch nicht unbedingt der Anfang, aber ganz sicher das sichtbare Zeichen dieser Freundschaft, das lebendige Wasser der Freundschaft Gottes – mit dir und mir!

Apropos „Wasser“: Schon vor Wochen hat einer aus dem Gesamtkirchengemeinderat vorgeschlagen, es solle in den Gottesdiensten etwas geben, das uns in Tübingen besonders miteinander verbindet. Unsere Idee: Da gerade die Weihwasserbecken leer sind, haben wir Weihwasserfläschchen gekauft und gefüllt mit Dreikönigswasser. Sie stehen in unseren Kirchen bereit zum Mitnehmen, auch hier. Sollten die Fläschchen ausgehen: keine Sorge – es sind genügend da. Und ist das Fläschchen leer, füllt es zu Hause nach und bringt es das nächste Mal wieder mit, wir werden in den Gottesdiensten regelmäßig Wasser segnen.

Meine Einladung: Immer, wenn wir alleine oder miteinander das Glaubensbekenntnis sprechen, machen wir mit Weihwasser aus dem Fläschchen ganz bewusst das Kreuz. Als Zeichen der Freundschaft – mit Jesus und untereinander. Und als Ermutigung, mich einzumischen, ja: mit meinem Licht zu leuchten gegen das Dunkel in der Welt.

Tübingen, 10. Januar 2021
Pfarrer Ulrich Skobowsky