Gedanken zum Kirchengemeinderat

Wenn ich den Mitgliedern der verschiedenen Tübinger Kirchengemeinderäten begegne, bin ich immer wieder von Neuem beeindruckt und berührt: Menschen mit den unterschiedlichsten Talenten und Ideen, aber auch mit sehr verschiedenen Lebensgeschichten und Glaubenserfahrungen engagieren sich mit viel Zeit und Leidenschaft für ihre Gemeinde vor Ort und für unsere katholische Kirche in Tübingen – und damit natürlich für die Menschen hier in unserer Stadt. Diese enorme Vielfalt ist ein großer Reichtum, der uns als Christinnen und Christen gemeinsam voranbringt, um dem Evangelium eine konkrete Gestalt zu verleihen. Darüber dürfen wir uns freuen.

Als Leitender Pfarrer bin ich vor allem sehr, sehr dankbar für den tatkräftigen Einsatz so vieler Menschen! Das ist nicht selbstverständlich für mich – denn wir alle sind bereits auf vielfältige Weise ausgelastet und beschäftigt in unserem Alltag. Von ganzem Herzen sage ich Danke!

Es ist nicht nur die Zeit, welche die KirchengemeinderätInnen einbringen. Sie schultern auch eine enorme Verantwortung. Der Kirchengemeinderat ist zusammen mit den Pastoralen Ansprechpersonen und mit mir als Pfarrer das Leitungsgremium der Gemeinde. Zu dieser Leitung gehören die Hoheit über den Haushalt (also die Verwendung der Kirchensteuereinnahmen) und Verwaltungsaufgaben (etwa zu Personal und Immobilien). In besonderer Weise zählt aber die Verantwortung dazu, dass wir unseren Aufgaben als Gemeinde Jesu Christi gerecht werden: Wie leben wir unseren Glauben? Wie feiern wir ihn? Wie schaffen wir es, die Frohe Botschaft in Wort und Tat weiterzugeben? Wie gelingt es uns, die Menschen im Blick zu haben, die Hilfe brauchen? Wie verbinden wir die verschiedenen Altersgruppen zu einer Gemeinde? Wie leben wir glaubwürdig und überzeugend unser Christsein – auch bei Gegenwind und Sturm?

Das Zweite Vatikanische Konzil hat das so formuliert: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der JüngerInnen Christi.“ – Es geht darum, das Leben in seiner Fülle zu teilen, getragen von dem Glauben an Gott, von dessen Liebe uns nichts trennen kann (vgl. Röm 8,39). Dazu braucht es Kreativität, Lust am Gestalten und Ausprobieren ... den Mut, etwas Neues anzupacken und Altes sein zu lassen, Freude an Zusammenarbeit und am gemeinsamen Feiern ... eine Leidenschaft für das Leben ...

Ich bin gespannt, welche weiteren Impulse für unser Gemeindeleben sich aus den (aktuellen und neu zu wählenden) Kirchengemeinderäten ergeben, und freue mich auf die Zusammenarbeit für das Evangelium – und damit für die Menschen in Tübingen!

Pfarrer Domik Weiß

Weil es mir wichtig ist.

Als ich angefragt wurde, mich für die Wahl zur Kirchengemeinderätin aufstellen zu lassen, sagte ich gerne „Ja“. Ich habe zugesagt, weil es mir wichtig ist, meinen Glauben in einer Gemeinschaft zu leben und weil mir die Gottesdienste und das Gemeindele- ben in Sankt Johannes viel bedeuten.

Die Mitarbeit im KGR gibt mir einen tieferen Einblick in die Gemeinde. Ich sehe erst jetzt, was die Hauptamtlichen leisten und wie viele Frauen, Männer und Jugendliche sich ehrenamtlich einbringen – mit ihren Begabungen, ihrer Zeit und Kraft und mit Herzblut. Im KGR-Team sind ganz unterschiedliche Perspektiven auf unsere Gemeinde vertreten und manchmal haben wir konträre Standpunkte und Meinungen. Aber immer fühle ich mich als Person und mit meinen Gaben wertgeschätzt. Zu manchem kann ich etwas einbringen, bei vielem lerne ich. Mein Schwerpunkt liegt im sozialen Bereich, beispielsweise beim „Ort des Zuhörens“ und bei den Besuchsdiensten. Die inzwischen zweijährige Vakanz der Gemeinde ist eine Herausforderung. Natürlich birgt sie auch Chancen, aber es fehlt doch zunehmend eine Person, die die Fäden in der Hand hält, vernetzt und bündelt – ob das ein Priester sein muss, sei dahingestellt.

Als drei Briefe an das Bischöfliche Ordinariat, in denen wir um eine Stellungnahme zu kirchenpolitischen und Gemeinde-Themen baten, unbeantwortet blieben, fragten wir uns: Werden wir Laien überhaupt noch ernst genommen? Das trübte bei vielen die Freude an der Arbeit im KGR – bis hin zu dem Punkt, dass einer aus dem Team, der sich seit Jahrzehnten für die Gemeinde engagiert hat, sein Mandat niederlegte. Eine verständliche Reaktion!

Gott sei Dank gibt es auch Ermutigendes, sowohl auf Gemeindeebene wie auch auf höherer Ebene. Ich habe mich mit anderen aus dem KGR bei der Aktion „Maria 2.0“ eingebracht und freute mich, als der Rat diese Aktion einstimmig unterstützte. Dass es zu einem konstruktiven Gespräch mit Weihbischof Karrer kam, stimmt mich zuversichtlich.

Meine Entscheidung, im KGR mitzuwirken, habe ich nicht bereut. Nach wie vor ist es mir wichtig, mich auf diese Weise für unsere Johannesgemeinde einzu- setzen, weil sie für mich und viele andere geistliche Heimat und Ort der Begegnung ist und für noch mehr Menschen werden soll.

Beate Jakob

Der Kirchengemeinderat – ein bunter Kräuterbuschen!

Was hat der Kirchengemeinderat mit einem Kräuterstrauß zu Ehren der Mutter Gottes zu tun?

In der Mitte des Straußes sticht die Rose oder eine schöne Blume heraus. Die Grundlage allen Handelns ist Christus, ihm zu Ehren und zum Wohl seiner Gemeinde sollen die Entscheidungen fallen. Drumherum reihen sich die unterschiedlichsten heilenden Kräuter ein. Der Rosmarin ist der, der alles im Blick hat: die anderen Gemeinden in Tübingen, das Dekanat und das Ordinariat in Rottenburg. Erst bei einem Blick über den Tellerrand kann man manche Entscheidungen der Kirche nachvollziehen und verstehen. Mit dem Salbei zusammen denkt er immer an das Wohl seiner Gemeindemitglieder. Wermut darf in unserem Paulusstrauß nicht fehlen. Kraft und Mut brauchen wir immer wieder, um neue Ideen voranzubringen, eine schwierige Aufgabe, in einer Zeit, in der die Kirche in der Gesellschaft nicht mehr präsent ist. Die Minze fühlt sich für die Gesundheit verantwortlich. Diakonie – eine wichtige Säule der Arbeit in den Gemeinden, ich denke an unser Kinderhaus Helene-von-Hügel oder das Luise-Wetzel-Stift. Arnika schützt vor Feuer und Hagel, eine provokante Aufgabe im bunten Gebinde, das KGR heißt. Nicht alles, was die Kirchenleitung vorgibt, kann oder will im Rat umgesetzt werden, selbstständige Entscheidungen sind gefragt. Da stehen schon mal fundamentale Kirchenfragen zur Diskussion. Kamille und Getreide symbolisieren das tägliche Brot, das Alltagsgeschäft, das erledigt werden muss: Haushaltsplan beschließen, Feste vorbereiten, zunehmend auch die Aufgaben eines Arbeitsgeber wahrnehmen.

Ich betrachte mich als Teil eines bunten vielfältigen Kräuterbuschens. Aber welches Kraut möchte ich denn gerne sein? Eine einfache Antwort gibt es nicht. Mal betört mich der überragende Duft des Rosmarins, dann mahnt mich die Kamille wieder, die notwendige Arbeit zu tun. Auch die Heilkraft der Arnika gibt Kraft für die Aufgabe in der Gemeindeleitung. Wenn ich mich für eine Pflanze entscheiden soll, muss ich passen. Nur das Zusammenspiel aller Kräuter erzeugt in meiner Nase jenen Wohlgeruch, der mir Mut und Freude schenkt, im Kirchengemeinderat mitzuarbeiten.

Eva Kunze

"Wenn einer alleine träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, so ist das der Beginn einer neuen Wirklichkeit!" – Bischof Hélder Câmara

Der Kirchengemeinderat ist ein Ort, um gemeinsam Wirklichkeit aus dem Traum einer lebendigen, weltoffenen und vielfältigen Kirche werden zu lassen. Im Kirchengemeinderat gestalten Frauen und Männer ehrenamtlich die Zukunft der Kirche. Menschen mit vielfältigen Charismen engagieren sich im Kirchengemeinderat: Sie setzen sich mit Kopf, Herz und Hand für die konstruktive Entwicklung von Kirche am Ort ein. Der Dialog mit Kirchengemeinde und Pastoralpersonal ist ein Kern im christlichen Ehrenamt.

Mein Name ist Katharina Moser, ich bin 26 Jahre alt und wohne in Hirschau. Ich studiere die Fächer Deutsch, Geschichte und Politik auf Lehramt an der Universität Tübingen. In meiner Jugend war ich in Kindergottesdiensten, Ministrantengruppe und Stern- singeraktion ehrenamtlich tätig. Ich bin seit fünf Jahren Kirchengemeinderätin in der Kirchengemeinde St. Ägidius. Der Kirchengemeinderat ist für mich ein Ort, um meine Kenntnisse, Fähigkeiten und Interessen aus pädagogischer Berufsausbildung und christlichem Ehrenamt konstruktiv in Einklang zu bringen. Die Kinder- und Jugendpastoral ist für mich eine Herzenssache im Kirchengemeinderat: Ich bin Kontaktperson für die Ministrantinnen und Ministranten sowie die Sternsingerinnen und Sternsinger. Im Kinderhausausschuss vertrete ich die Kirchengemeinde in der Kooperation mit den Erzieherinnen und Erziehern sowie den Eltern und ihren Kindern in den katholischen Kindertagesstätten. Ich finde es als Kirchengemeinderätin wertvoll, Kinder und Jugendliche auf ihrem Lebensweg zu begleiten, ihnen soziale Werte zu vermitteln, und sie in ihrem christlichen Glauben zu bestärken.

Katharina Moser

Was tun...?

Es ist Anfang 2015, der Ruhestand rückt immer näher... Was tun? Noch ein Ehrenamt ? Ich habe künftig Zeit. Anfrage von St. Michael, doch für den Kirchengemeinderat zu kandidieren. Schwierige Frage. Richtig bekannt bin ich ja nicht in der Gemeinde, trotz Engagements für das Carlo-Steeb-Kinderhaus. Nun Altgediente treten nicht mehr an; ein Generationswechsel steht bevor.

Ich will es wissen und werde prompt hineingewählt, bin jetzt 62, andere hören da auf. Ich bin nun das älteste Mitglied im Gremium. Welche Aufgaben warten auf mich? Protokollführer oder Verwaltung? Nein, das habe ich lange beruflich gemacht; ich möchte gestalten und nicht nur zuarbeiten. Also 2. Vorsitzender – und man spricht mir vorab das Vertrauen aus. Mit einem mulmigen Gefühl trete ich das Amt an. Dann der Neubau des Gemeindehauses, er beschäftigt mich die ganzen Jahre. Trotzdem kann die Gemeindearbeit nach 2,5 Jahren im neuen Haus beginnen. Dank des sehr kompetenten Teams im Bauausschuss ist die Aufgabe gelöst worden. KGR-Arbeit, kann – soll sie erfolgreich sein – nur im Team bewältigt werden. Ich habe mich immer als Primus inter pares verstanden. Meine Stellvertreterinnen Barbara Wolf und Silke Geiger-Rudolf sind mir eine große Stütze.

Dann immer wieder von aussen Fragen wie: Kannst Du Dich noch mit gutem Gewissen in der Kirche engagieren, bei all den Skandalen, die immer wieder publik werden? Meine Antwort: ja. Denn den Menschen in der Gemeinde zu helfen und etwas zu bewegen, sodass ein lebendiges Gemeindeleben erhalten bleibt, ist mir Motivation. Offenes Gemeindefrühstück, Dämmerschoppen, Kirchencafé mit eingeführt bzw. weiter begleitet. Andere sind mehr auf liturgischem Terrain unterwegs... Wie gesagt: Teamwork, Arbeitsteilung. Natürlich ist auch die Kirchenpolitik nicht auszublenden; hier am Ort demokratische Verfahren, manches scheitert an den konservativen Strukturen der Kirche. Die aktuelle Personalsituation bei den Hauptamtlichen ist verbesserungswürdig, auf einen zweiten investierten Pfarrer in Tübingen warten wir immer noch…

Und doch: es hat sich für mich gelohnt und es macht mir Freude!

Manfred Pohl

 

Kirchengemeinderat ist gar nicht so langweilig, wie es sich anhört.

Sitzungen, Sitzungen, Sitzungen – genau das wollte ich nicht haben, als ich vor 5 Jahren für den KGR kandidiert habe. Und speziell in St. Petrus gab es noch einen weiteren Grund: Unsere Kirche sollte umgebaut werden zur Gemeinde- und Jugendkirche. Da wollte ich mitbestimmen und das Schlimmste verhindern. Eine schlechte Predigt vergisst man wieder – aber eine schlechte Architektur besteht für Jahrzehnte.

Und ich muss sagen: Wir konnten bestimmen! Ich habe in vielen Jahren ehrenamtlicher Arbeit in verschiedensten Bezügen noch nie erlebt, dass ein Gremium so viel Entscheidungsmacht ausüben konnte und so wenig beschnitten wurde. Ob die Architektur gelungen ist, mag der Besucher entscheiden. Aber der Prozess war kreativ, engagiert und demokratisch. Denkt man gar nicht von der katholischen Kirche. Was die Sitzungen betrifft, achte ich darauf, dass es nicht zu viele werden. Ich bin in zwei Ausschüssen (Verwaltung und Jugend) und da regeln wir viel im Umlauf. Die eigentliche Arbeit geschieht ohnehin außerhalb der Sitzungen. Da wiederum ist es mir wichtig, dass die KGR- Mitglieder nicht die „Erst-Helfer“ vom Dienst sind. D.h. beim Aufbau fürs Gemeindefest, beim Umstuhlen vor und nach einem Kirche(n) Kino, etc. sind nicht die Kirchengemeinderäte, sondern die gesamte Gemeinde als Helfer gefragt. Wir sind nicht die Gemeinde, sondern wir sollen die Gemeinde leiten. Da fehlt es mir noch hie und da am Selbstbewusstsein des Gremiums und an der Sitzungskultur. Nicht die Zeit verbringen mit der Diskussion, ob Würste und Steaks gegrillt werden oder nur das eine oder andere, sondern nachdenken über unsere Kernaufgaben und Kernkompetenzen als katholische Kirchengemeinde und über die wichtigste Frage: Was wir für die Menschen sein und tun können, die nur selten oder gar nicht zu uns kommen.

Im Kirchengemeinderat haben die Engagierten einen Platz, die machen und schaffen und die Mit-Denker, die nicht so viel anpacken, aber trotzdem ihr Hirnschmalz investieren. Das ist gut so. Im Kirchengemeinderat ist Platz für Diskussionen – auch für Streit – ohne dass es persönlich wird. Das gefällt mir. Und im Kirchengemeinderat (aber das gilt auch für die ganze Gemeinde) ist immer Platz für eine Idee. Wer gerne etwas machen oder umsetzen will, wird normalerweise nicht daran gehindert, sondern – so gut es geht – unterstützt. Das ist klasse.

Rainer Steib