„Migranten und Flüchtlinge aufnehmen, beschützen, fördern und integrieren“ so lautet die Botschaft von Papst Franziskus. Das ist eine Botschaft, die auch uns als Stadt angeht.  Integration findet konkret vor Ort in den Kommunen statt und ist eine kommunale Aufgabe. 

Was bedeutet Integration hier für uns in Tübingen? In Tübingen leben Menschen aus 140 Nationen. Das ist für die Stadt Chance, Bereicherung und Herausforderung zugleich. Kommunale Integrationspolitik hat die Aufgabe, Türen zu öffnen und Benachteiligungen abzubauen. Alle Einwohnerinnen und Einwohner – egal woher sie kommen – sollen gleichberechtigt am Leben in der Stadt teilhaben können. Ziel ist es, ein respektvolles und solidarisches Miteinander zu fördern und Rahmenbedingungen zu schaffen, die es allen ermöglichen, sich zu entfalten und einzubringen. Dies erfordert Lern- und Öffnungsprozesse von aufnehmender Gesellschaft und zugewanderten Menschen, kurz gesagt von uns allen, ob wir nun schon seit Generationen hier verwurzelt oder ob wir zugewandert sind. Zu Handlungsfeldern kommunaler Integrations- und Flüchtlingspolitik gehören derzeit – um nur einige zu nennen – die interkulturelle Öffnung von Verwaltung und städtischen Einrichtungen, Wohnraum- und Quartiersentwicklung, Aufbau und Förderung von Hilfen und Angeboten für geflüchtete Menschen, Förderung des zivilgesellschaftlichen und ehrenamtlichen Engagements für ein gutes Miteinander in Vielfalt. 

Es gibt vielfältige Gründe für Migration: Ein Studien- oder Arbeitsplatz, Familie, Partnerschaft, aber auch Flucht vor Krieg, Terror und Gewalt im Herkunftsland. In Tübingen leben etwa 1.600 Menschen mit oft traumatisierenden Fluchterfahrungen. Integration ist ein langwieriger und manchmal auch schwieriger Prozess, denn Integrationschancen hängen entscheidend auch vom Ausgang des Asylverfahrens ab. Hier ist kompetente Beratung und Begleitung wichtig. Sich selbst und die Familienangehörigen in Sicherheit zu wissen, ist grundlegend für Integration.

Sich integrieren bedeutet, sich in der neuen Umgebung orientieren, eine neue Sprache lernen, neue Kontakte knüpfen, Beziehungen eingehen, eine eigene Wohnung beziehen, zur Schule gehen, einer Ausbildung oder Arbeit nachgehen, Geld verdienen, das eigene Leben selbst in die Hand nehmen. Es bedeutet sich noch einmal zu beheimaten – sozusagen zweiheimisch werden, sich die neue Lebenswelt aneignen und diese mitgestalten, sich zugehörig fühlen. Passgenaue Förderangebote und ein unterstützendes Umfeld sind hierbei von hohem Wert.

Wann bin ich integriert? Das ist eine Frage, die nicht wenige stellen, denn auch hohe Integrationsbereitschaft schützt nicht vor Diskriminierung. Es ist mehr als schmerzlich zu erleben, aufgrund von Herkunft, Hautfarbe oder Religion als „anders“, als nicht gleichwertig abgewertet, angegriffen und ausgegrenzt zu werden. 

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Solidarität begegnen.“ heißt es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Diesen auch im Grundgesetz verankerten Gleichheitsgrundsatz gilt es hoch zu halten. Er ist Fundament des demokratischen Zusammenlebens und eines respektvollen und solidarischen Miteinanders in Vielfalt. Alle, die dazu ihren Beitrag leisten – im Großen wie im Kleinen – verdienen Dank und Anerkennung. 

Luzia Köberlein, Gleichstellungs- und Integrationsbeauftragte Universitätsstadt Tübingen

Passerelle schafft…
Drei Häuser entstanden in einer neuen Wohnanlage für Geflüchtete mit Aufenthaltsstatus am Hechinger Eck Süd; eines davon ist das Projekt Passerelle. Durch das Projekt werden Rahmenbedingungen geschaffen, die den Geflüchteten das Neu-Verwurzeln erleichtern: Projekträume, Nutzgarten, Aktivitäten und vielfältige Begegnungsmöglichkeiten mit der Nachbarschaft tragen dazu bei, Kontakte und gemeinsames Tun zu ermöglichen. Geflüchtete, weitere Hausbewohnende, Nachbarn aus der Südstadt und Derendingen gestalten dazu kleine Übergange (frz.: passerelle). Sie werden dabei durch einen Sozialarbeiter sowie eine Werkstattleiterin unterstützt. Jeder und jede ist willkommen und kann mit Ideen Teil des Projekts sein.

Träger des Projekts Passerelle in der ersten, dreijährigen Projektphase ist der gemeinnützige Verein Tübinger Institut für Gesundheitsförderung und Sozialforschung e.V. Er kooperiert seit Entstehen der Projektidee mit der Gemeinde St. Michael, dem ökumenischen Arbeitskreis Asyl Südstadt, den zuständigen städtischen Fachbehörden und weiteren Tübinger Organisationen.

Für die Umsetzung der 2016 entstandenen Projektidee wurden von einer privaten Baugemeinschaft ein Haus mit neun Wohnungen für Geflüchtete und drei Wohnungen für nicht Geflüchtete, einem Multifunktionsraum und einem Werkstattraum gebaut und im Februar 2019 fertiggestellt. Im Projektraum können Menschen aktiv tätig werden; eine Schreinerwerkstatt ist eingerichtet, ein Keramikofen und Gartenwerkzeuge stehen bereit, weitere handwerkliche Angebote und interessengeleitetes Lernen finden hier bei Bedarf Platz. Der Multifunktionsraum vermittelt eine offene, angenehme Atmosphäre; hier finden Bildungs-, Beratungs- und Gruppenangebote statt, er dient zudem den sozialen Kontakten im Haus und mit Freiwilligen. Im Umfeld des Hauses werden „Garten-Inseln“ geschaffen, die der Idee des gemeinschaftlichen Gärtnerns folgen. 

Die Sozialarbeit in Passerelle versteht sich als aktivierende Moderation, die sich an die neuen, wie auch an die bereits dort wohnenden Bürgerinnen und Bürger richtet: Alle Beteiligten kümmern sich um die gemeinsame Lebensqualität im Quartier. Das Projekt Passerelle hat zum Ziel, soziale Kontakte zu entwickeln und zu stabilisieren und die Gesundheit zu fördern. Durch Beteiligung und Aktivität können sich die Menschen als selbst gestaltend erleben und sie erhalten die Möglichkeit, berufliche Perspektiven zu entwickeln.

Traumatisierte geflüchtete Menschen haben einen besonders großen Unterstützungsbedarf für ihre Lebensbewältigung. Das Projektangebot besteht aus handwerklicher Arbeit und einem weiteren Unterstützungsweg durch ein Gruppenangebot, das die traumatischen Erfahrungen bewältigen hilft, ohne therapeutisch angelegt zu sein. Dabei werden die Teilnehmenden angeleitet, selbst (wieder) Gestaltende zu werden. 

Die ersten Erfahrungen nach Einzug der Bewohnerinnen und Bewohner im Februar 2019 zeigen deutlich, dass ohne professionelle Organisation und Begleitung die Ziele des Projekts nicht umsetzbar sind. Den Förderern von Passerelle, der Diözese Rottenburg-Stuttgart, der Aktion Mensch, der Stiftung für gesundheitliche Prävention Baden-Württemberg und vielen weiteren Unterstützern und Spendern ist es zu verdanken, dass die Stellen für Sozialarbeit und Werkstattleitung finanziert werden können.

Ohne ehrenamtlich Tätige gäbe es einige der bereits laufenden Angebote nicht. So hat die engagierte KJG-Gruppe St. Michael im Rahmen der 72-Stunden-Aktion mit Unterstützung von Geflüchteten einen Gemeinschaftsgarten angelegt, der seitdem für nachbarschaftliches Gärtnern zur Verfügung steht. Erste Gemüse- und Kräuterbeete wurden bereits angelegt. Eine Gruppe von Männern, die sich bisher in der Werkstatt unterm Turm in St. Michael getroffen hat, ist wöchentlich in der Werkstatt und im Garten tätig. Die gute Zusammenarbeit mit der Gemeinde St. Michael trägt hier Früchte. Die Nähwerkstatt wird von Ehrenamtlichen unterstützt und regelmäßig von Frauen aus den drei Häusern angenommen. Viele Kinder nehmen Werken und Spielen in Werkstatt und Garten mit Freude an. Der Eindruck ist entstanden, dass die Kinder noch stärker in den Fokus genommen werden können. Männer durch Projektangebote anzusprechen ist hingegen noch eine Herausforderung. Wünschenswert ist eine stärkere Aktivität von Nachbarn aus dem Umfeld. Bei gemeinsamen Festen, beim Gärtnern oder Werken könnten Nachbarn und neue Mitbürger näher zusammenrücken. Dagmar Menz

Ebrima aus Gambia und der ökumenische AK Asyl Südstadt – eine Love-Story 
Als Ebrima im Herbst 2014 im Flüchtlingsheim in Rottenburg ankam, wurde er von der Sozialarbeiterin mit den Worten empfangen: „Das hier ist wie ein Bahnhof. Bald geht der Zug zurück nach Italien.“

Ebrima war zuvor eineinhalb Jahre in Italien gewesen, ohne Geld, ohne Arbeit, ohne Perspektive. Davor, in Libyen, musste er im Gefängnis zusehen, wie sein Freund von sogenannten Aufsehern zu Tode geprügelt wurde. Ebrima saß in einem wackeligen Schlauchboot auf dem Mittelmeer und erlitt Todesangst. Er kommt aus Gambia, das zu den ärmsten Ländern der Welt gehört mit einer Staatsverschuldung von 130 % des BIP. Fast die Hälfte der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze, die Jugendarbeitslosigkeit beträgt 40%. Und damit nicht genug: Ein bizarrer Diktator terrorisierte über 20 Jahre lang sein Land, bis er 2017 endlich vertrieben wurde.

Und dann diese „Begrüßung“ durch die Sozialarbeiterin in Rottenburg! Willkommenskultur sieht anders aus. Das Gefühl, willkommen zu sein, erlebte Ebrima dann zum ersten Mal nach vielen Jahren beim AK Asyl Südstadt, der die Flüchtlingsunterkunft in der Wilhelm-Keil-Straße in Tübingen betreut und von St. Michael und der evangelischen Eberhardsgemeinde gegründet wurde. In der Unterkunft Dort hatten ihn die Behörden im Frühjahr 2015 einquartiert. Der AK organisierte ein Willkommensfest: 120 Geflüchtete und fast ebenso viele Ehrenamtliche kamen zusammen, es gab Fingerfood, Getränke, Musik und erste Gespräche. Ebrima hatte die Kappe tief in die Stirn gezogen und stand schüchtern in einer Ecke. Ich sprach ihn an und wir spürten sofort eine große Sympathie füreinander.„I want to become a carpenter“, sagte Ebrima. „Ich möchte Zimmermann werden.“ Aha. Ein Flüchtling aus Gambia, dessen Asylantrag wahrscheinlich abgelehnt werden wird, der vom Gesetz her keinen Anspruch auf einen Sprachkurs hat, der von Förderprogrammen der Arbeitsagentur ausgeschlossen ist. Wie soll das gehen?

Ebrima und ich machten uns an die Arbeit und wir kämpften uns durch Gesetze und Verordnungen, füllten Formulare aus, stellten Anträge, holten uns Rat und Hilfe beim Asylzentrum und beim Rechtsanwalt, nahmen Beratungstermine wahr, schrieben unzählige E-Mails an die verschiedenen Sachbearbeiter*innen und Sozialarbeiter*innen in den Behörden. 

Die Gambier sind in den Augen des deutschen Staats Flüchtlinge „mit schlechter Bleibeperspektive“. In der Regel wird daher in sie weder Zeit (Sozialarbeit) noch Geld (Sprachkurs) investiert. Flüchtlinge „mit guter Bleibeperspektive“ sind Syrer, Iraner, Iraker, Somalier und Eritreer. Doch manchmal kuckt ein Sachbearbeiter oder eine Beraterin auch genau hin, prüft wohlwollend, was vom Gesetz her möglich ist – und so rutschte Ebrima in eine Maßnahme der Arbeitsagentur hinein, die junge Geflüchtete auf den Arbeitsmarkt vorbereitet. Dies war die halbe Miete.

Nach diesem kräftezehrenden Hindernis-Parcours erreichte Ebrima sein Ziel: Im Herbst 2016 wurde er Zimmerer-Azubi bei der Fa. HolzWerk in Tübingen. Der Chef, Gerd Siebert, erkannte das Potential und vor allem auch die liebenswürdige Wesensart des jungen Mannes aus Gambia und gab ihm eine Chance. Der AK war immer an Ebrimas Seite, organisierte bei Bedarf Nachhilfe und Arzttermine, unterstützte weiterhin bei Behördenangelegenheiten, half bei der Zimmersuche. Das Carl-Sonnenschein-Haus der Diözese Rottenburg-Stuttgart vermietete ein Zimmer an Ebrima – und endlich war er draußen aus dem Flüchtlingsheim, hatte ein eigenes Zimmer und konnte in Ruhe schlafen und lernen nach seinem Rhythmus.

Also alles gut? Weit gefehlt.

Das Damoklesschwert der Abschiebung schwebte ununterbrochen über Ebrima! Wir bereiteten ihn auf seine Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge vor und begleiteten ihn. Dies ist der wichtigste Termin im Asylverfahren, bei dem die Asylbewerber ihre Fluchtgründe darlegen müssen. Monate des nervenaufreibenden Wartens auf die Entscheidung folgten. Von einem Tag zum anderen hätte es heißen können: Asylantrag abgelehnt. Ab nach Gambia. Dass Ebrima unter diesen Umständen einen klaren Kopf bewahren und sich weiterhin auf Berufsschule und Ausbildung konzentrieren konnte, ist mehr als bemerkenswert. 

Jetzt ist Ebrima fertiger Zimmerer-Geselle. Asyl hatte er nicht bekommen, aber durch die Ausbildung bekam er ein vorübergehendes Aufenthaltsrecht. Seine Abschlussprüfung in Theorie und Praxis hat er auf Anhieb bestanden. Er wird von der Fa. HolzWerk übernommen und weitere zwei Jahre in Deutschland leben und arbeiten dürfen. Dann sieht man weiter. Weihnachten und Geburtstage feiern wir meist im erweiterten Familienkreis, wozu natürlich auch Ebrima längst gehört. Auch die Oma (88) hat „Abraham“, wie sie sagt, ins Herz geschlossen. Und jedes Mal, wenn wir sie besuchen, fragt sie bange: „Darf er jetz bleiba, da Bua?“ Angela Baer