Gewebe von Margarete Warth | Fastenzeit 2021, St. Johannes Tübingen

Das Verborgene im Offensichtlichen

Ein Tuch verhängt das Kreuz. So will es die katholische Liturgie in der Fastenzeit.

Sichtbar ist ein Quadrat, nahezu ein Quadrat, 103 cm mal 110 cm in einem dunklen braun. Genauer, aus dreierlei Farben gemacht: schwarz, grau, dunkelbraun. Ein zarter, weißer Kreis schwebt in seiner Mitte, nimmt sich Raum darin.

Davor sitzen und mich niederlassen. Mich dem Schauen überlassen. Die Grenzen sind sanfte. Angebote. Keine mit dem Lineal gezogene, mit dem Zirkel gezogene. Gewordene, gewachsene, ertastete. 

Unsichtbar bleibt der Entstehungsprozess. Stunde um Stunde wurde am Webstuhl gesessen. Faden um Faden lässt ein Gewebe werden. Hin und her saust das Weberschiff, legt Garne zwischen die Kettfäden. Das dauert. Zeit vergeht. Es wächst eine Fläche. Große weiße Stiche sticken einen Kreis, nahezu einen Kreis. Lassen Freiraum dazwischen.
Unzählige kleine Stiche wandern daran entlang. Sorgfältig.

Gedanken, währenddessen gedacht, Gefühle, währenddessen gefühlt, bleiben im Verborgenen. Unsichtbar bleibt auch die Geschichte des Materials, der Fäden. Leinen, Bananenfasern und Wolle. Ungesagt bleibt: Leinpflanzen blühen hellblau, Schafe trugen diese Wolle, Bananenfasern wurden in Japan zu kostbarem Garn verknüpft. Nussschalen, ausgekocht, ließen sattes Braun und spendeten Farbe. Margarete Warth weiß über all dies fachkundig zu erzählen. 

Ihr Werk aber lädt ein in die Stille, lässt hin horchen in die verborgene Poesie des Materials. Es finden sich Momente des Innehaltens, des zu sich selber Findens, in Kontakt Kommens mit sich. Es ereignen sich Augenblicke reinen Betrachtens.

Klarheit stellt sich ein.

Man mag leise werden neben dieser Arbeit und darf sich aufgehoben wissen. Das Gewebe bildet ein Gegenüber. Davor, daneben, darin darf ich sein. Mit allem. Mich
überlassen. Mein Zuviel nimmt das Gewebe in sich auf.

Es lädt ein, mich dem Verborgenen ein wenig hin zu geben.

Anja Hellstern

Musik 
Jan Janca: „Herzliebster Jesu“

Der aus Danzig stammende Jan Janca war von 1971 bis zu seiner Pensionierung 1996 Organist an St. Johannes. Unter seiner Leitung wurde der Neubau der Rieger-Orgel in Angriff genommen und viele seiner Werke entstanden für diese Orgel.

Organist
Wilfried Rombach an der Rieger-Orgel in St. Johannes