Die Bühler Naturkrippe

St. Pankratius beherbergt zur Weihnachtszeit einen besonderen Schatz: eine Naturkrippe, gefertigt aus vielen heimischen Naturmaterialien in wochenlanger Handarbeit.

 

Handschriftliche Erläuterungen von Sr. Maria Capistrana zur Bühler Krippe


 

 

Gottes ganze Schöpfung

 

Die St. Pankratius-Kirche in Tübingen-Bühl darf seit vielen Jahren eine ganz besondere Krippe ihr Eigen nennen: Das Geschehen von Weihnachten ist mit Figuren dargestellt, die ausschließlich aus Pflanzen der heimatlichen Flora gefertigt sind. Sr. Maria Capistrana Bucher OSF, Kloster Siessen bei Saulgau, hat in den Jahren zwischen 1970 und 1975, als sie Krankenschwester in der Gemeinde tätig war, diese Krippe hergestellt und der Pfarrei geschenkt. Vorwiegend während der Nachtwachen an Krankenbetten schuf sie in vielen Stunden in mühseliger Kleinarbeit ein seltenes Kleinod der Krippenkunst. Aus Gräsern, Kräutern, Moosen und Stauden, aus Wurzeln, Rinden, Blättern, Blüten und Fruchtständen bildete sie eine Vielzahl von imposanten Figuren: die Heilige Familie, die Heerschar der Engel, die Hirten auf dem Felde, aber auch die Kranken und Benachteiligten. Schließlich die Hl. Drei Könige und eine bunt schillernde Tierwelt. Sr. Capistrana kam durch den Ordenspatron der FranziskanerInnen, Franz von Assisi, auf die Idee, eine Krippe aus den Materialien der belebten Natur zu gestalten. Wie kaum ein anderer wusste Franziskus das Geheimnis der Inkarnation – der Menschwerdung Gottes – mit der Liebe zu aller Kreatur zu verbinden. Für ihn wurde Gott selbst durch die Menschwerdung ein Teil der Schöpfung – er hat sie so mit all ihrer Schönheit, aber auch mit all ihrem Leiden angenommen. Besondere Bedeutung verleiht die Schwester hier den Armen und Kranken, den Verachteten und Ausgestoßenen. Sie geben dem Szenarium der Krippe einen tiefen Ernst.

Sr. Capistrana, nach der Herkunft der Pflanzen und pflanzlichen Stoffe befragt, gab diese Auskunft: „Als Grundmaterialien dienten hauptsächlich Flachs und Hanf (Werg), Maisstroh, Schilf, Schierling, Zinnkraut, gemeine Distel, Silberdistel, Cratandistel, Tannenzapfen und Birkenrinde. Zur feineren Ausgestaltung verwendete ich Blütenblätter vom Klatschmohn, vom Alpenveilchen oder von der gelben Lilie und Blattwerk der Weinrebe, des Efeus und der Judenkirsche, aber auch Sonnenblumenkerne, Bucheckern, Palmkätzchen, die Schalen der Gladiolenzwiebel, blaue und weiße Strohblümchen, getrocknete Pilze, Blütenstaub und vieles andere.“

Über den Vorgang der Herstellung berichtete sie: „Zuerst bildetet ich aus Holzwolle (mit etwas Draht verstärkt) ein Grundgerüst, dann verknetet ich Torf, Hanf oder auch die Haare von Maiskolben mit Tapetenkleister und formte damit die jeweilige Gestalt. Hernach habe ich aus den erwähnten Blüten und Blättern die verschiedenen Kleider, Mäntel, Kopfbedeckungen oder auch Schmuckstücke auf die einzelnen Figuren aufgearbeitet – wiederum mit Kleister…“

Die knappen schriftlichen und mündlichen Überlieferungen von Sr. Capistrana belegen es: die Ordensfrau lebte in tiefer Frömmigkeit und großer Hochachtung vor Gottes reicher Schöpfung. Sie drückte dies nicht nur in einem gottgefälligen Leben einer Ordensfrau aus, in dem sie ihre täglichen Aufgaben erfüllte, sondern auch in der kreativen Entfaltung ihres Glaubens, die sie zur Bildsprache ihrer Krippe inspirierte. Auch wenn der Anlass ganz profan war – Renovierungsarbeiten in der Kirche – die Fertigung der Krippe wurde ihr zu einem Glaubensbekenntnis. Die Darstellung der Geburt Jesu und die durch dieses Ereignis jubelnde Schöpfung – Sr. Capistrana stellt uns mit ihrer Krippe damit die Durchdringung der Zeiten und Dimensionen vor Augen. Alles ist mit allem verbunden: Gott hat diese Welt geschaffen und ist selbst Mensch geworden, weil er sich uns mitteilen will, über jede Grenze hinweg.

So deutet Sr. Capistrana selbst ihre Figuren symbolisch – stellvertretend für alle Erdteile und die dort lebenden Menschen und Tiere versinnbildlichen sie damit die Geschwisterlichkeit, die in jedem kleinsten Lebewesen als Gottes Geschöpf zum Ausdruck kommt. Sie gibt uns damit eine Sicht auf die Welt, in der Vorurteile und Ausgrenzung keinen Platz haben, in der die Bewahrung und die Liebe zur Schöpfung oberstes Gebot und innerstes Anliegen ist – über Weihnachten hinaus!

 

Sie können die Krippe in St. Pankratius in der Weihnachtszeit - also bis 02. Februar - zwischen 8 und 19 Uhr ausserhalb der Gottesdienstzeiten besuchen.