Sankt Johannes Evangelist

Vorgeschichte
In Tübingen wurde 1534 die Reformation eingeführt. 1555 gab der Augsburger Religionsfriede den Obrigkeiten das Recht, in ihren Territorien nach eigenem Gutdünken eine Glaubens und Kirchenordnung einzuführen. Von dieser Zeit bis 1803 gibt es nur wenige Zeugnisse über die Anwesenheit von Katholiken in Tübingen. Die Seelsorger an der kleinen Kirche des Ammerhofes betreuten die in der Umgebung Tübingens lebenden katholischen Händler und Handwerker. Durch die politische Neuordnung Deutschlands im Jahre 1803 kamen viele Gebiete mit katholischen Einwohnern zum bisher rein protestantischen Württemberg.
Das Religionsedikt von 1803 gab die theoretische, ein Gesetz von 1806 ermöglichte die praktische Gleichberechtigung der Konfessionen. Damit war die formale Voraussetzung gegeben, in altwürttembergischen Gemeinden katholische Pfarreien zu errichten. Neben Esslingen und Heilbronn gehörte Tübingen zu den ersten Städten Altwürttembergs, die bereits 1806 eine katholische Pfarrei erhielten.

Entstehung der Stadtgemeinde
Die Katholiken Tübingens erhielten zunächst Gastrecht in der evangelischen Jakobuskirche, in der sie am 15. Feb. 1807 ihren ersten Gottesdienst feierten. Zu der Zeit lebten 130 Katholiken in Tübingen. Die Verlegung der 1812 in Ellwangen gegründeten Katholischen Theologischen Fakultät nach Tübingen im Jahre 1817 war ein wichtiger Faktor für die Entfaltung katholischen Lebens in Tübingen.
König Wilhelm 1. ließ im Collegium Illustre, 1588 - 1592 an der Stelle des einstigen Franziskanerklosters erbaut, ein “Hohes Katholisches Konvikt” zur Ausbildung der katholischen Seelsorge einrichten. Das Gegenüber von Professoren und Studenten beider Konfessionen an der Tübinger Universität erzielte nach fast dreihundert Jahren ausschließlich protestantischer Entwicklung ab 1817 “eine Einübung in der Toleranz auf beiden Seiten” (Karl Joseph von Hefele). Der Direktor des Theologenkonvikts war zugleich katholischer Stadtpfarrer. Der ehemalige “Ballsaal” des Collegium Illustre wurde zur Pfarrkirche umgebaut und am 7. Dez. 1818 geweiht.

Baugeschichte der Kirche
Da die Kirche zu feucht und auch bald zu klein war, kam es 1862 zur Gründung eines Kirchenbaukomitees, dem auch der künftige Bischof Hefele angehörte. Das Komitee betraute 1872 den Hofbaumeister Joseph von Egle, einen der angesehensten Architekten Württembergs, mit der Durchführung des Kirchenbaues. Im April 1875 wurde mit dem Bau begonnen.
Am 28. Nov. 1878 weihte Bischof Hefele die neue Kirche zu Ehren des hl. Apostels und Evangelisten Johannes. Die Wahl des Kirchenpatrons geht zurück auf den Tübinger Dogmatikprofessor Johannes EV. von Kuhn, der den Kirchenbau sehr energisch vorangetrieben hatte. Zum Dank dafür durfte er seinen Namenspatron als Patron der Kirche vorschlagen. Die Johanneskirche ist eines der bedeutendsten Zeugnisse der Neugotik in Württemberg und erinnert in ihrer Konzeption an die Architektur der Bettelordenskirchen des Mittelmeerraumes.
Für die junge katholische Gemeinde in Tübingen war die große Leistung des Kirchenbaus ein wichtiger Schritt zur Integration in dieser vorwiegend protestantischen Umgebung. Dass dieser Schritt gelungen ist, wird neben anderem auch dadurch bestätigt, dass die evangelische Gemeinde in Tübingen 900 Mark gesammelt und den Katholiken zum Kirchenbau gespendet hat. Die folgenden acht Jahrzehnte verliefen ohne größere Renovierungen. Die drei Chorfenster mit den Geheimnissen des Rosenkranzes wurden am 12. Okt. 1916 durch eine Bombe zerstört. Die neuen Fenster erhielten Szenen aus dem Leben des Kirchenpatrons (1961 - 1964 wieder erneuert). Der 1880 vollendeten Branmann-Orgel wurden 1917 die Prospektpfeifen als “Kriegsopfer” abgenommen. In den zwanziger Jahren erhielt die Orgel ein elektrisches Gebläse.

Heutige Ausstattung
Die Johanneskirche mit ihrem dunklen Innenraum und der dichten neugotischen Einrichtung (drei Altäre, Chorgestühl, Kanzel, Beichtstühle) entsprach nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr den biblisch und liturgisch geprägten pastoralen Vorstellungen. So entstand 1959 ein klares Konzept für eine Erneuerung der Johanneskirche im Sinne der modernen Seelsorge. Man wollte behutsam die echten Werte der Bausubstanz bewahren, aber zugleich dem lebendig Neuen mit Offenheit und Mut gegenübertreten. In diesem Sinne wurde die Johanneskirche von 1961 - 1964 grundlegend erneuert. Schon beim Eintritt wird der Besucher durch eine Vollplastik im Tympanon und durch zwei Reliefdarstellungen an den Türen auf den Kirchenpatron hingewiesen, entworfen von Toni Schneider Manzell (Salzburg). Der Innenraum der Kirche wurde von allen unnötigen Zugaben gereinigt und durch helle Farben und höhere Chorfenster erhellt, um die ursprüngliche Architektur wieder zur Geltung zu bringen. Die um 1,40 m nach unten verlängerten Chorfenster verleihen dem Chor eine faszinierende Höhe und dem Altar einen festlichen Rahmen. Die Chorfenster von Wilhelm Geyer (Ulm) enthalten wichtige Szenen der Heilsgeschichte, beginnend mit dem Zeugnis Johannes d. Täufers, fortsetzend mit Ereignissen aus dem Leben Jesu, eindrucksvoll vollendend mit zentralen Themen der Geheimen Offenbarung im Mittelfenster. Die Leuchtkraft der Fenster wechselt je nach Tageszeit und Witterung. Kein Besucher bleibt davon unberührt.
Man konnte hier an Uhlands Worte über das Farbfenster erinnert werden: “Zum Kirchenfenster gehört, daß es keinen Blick, keinen Gedanken hinauslasse, dafür aber allem Himmlischen zum Eingang diene.”
Wie die Fenster ist auch das Chorgestühl zum Träger der Verkündigung geworden. Die Holzfriese der fünf Bankgruppen mit alttestamentlichen Szenen erinnern an die stets neu sich ereignende Begegnung Gottes mit den Menschen. Die Steinfiguren der Propheten Jesaja, Ezechiel, Daniel und Jeremia über dem Chorgestühl weisen in ihrer bescheidenen und strengen Form auf den Ernst prophetischer Botschaft. Geschaffen wurden die eindrucksvollen Figuren und Friese von Jakob Adlhart (Hallein b. Salzburg).
Die herrliche spätgotische Madonna des Marienaltars und die ebenfalls spätgotische Kreuzigungsgruppe am Sakramentsaltar bereichern den modernen Raum. Die Darstellung am Tabernakel des Sakramentsaltars “Kommt und esset” von Josef Henger ist eine Einladung zum eucharistischen Mahl. Wie in der Frühzeit des Christentums wurde auch hier eine eigene Taufkapelle angebaut, um eine würdige Feier der Taufe zu ermöglichen. Der Osterleuchter, ein Symbol der Auferstehung Christi, führt hin zu Christus, der Quelle christlichen Lebens. Das Zentrale der Kirchenrenovierung lag schließlich in der Wiederentdeckung des Altares, der Verbindung von Altar und Kanzel, der lebendigen Bezogenheit von Priester und Gemeinde.
Was das am 11. Okt. 1962 eröffnete Zweite Vatikanische Konzil am 4. Dez. 1963 beschlossen hatte, wurde bei der Erneuerung der Johanneskirche bereits vorher angestrebt: die Gemeinde Jesu lebt vom Tisch des Brotes und vom Tisch des Wortes.

Die neue Schwerpunktsetzung in der Tübinger Johanneskirche ist heute noch gültig. Die von 1985 - 1989 erfolgte Renovierung ergibt heute einen Raumeindruck, der dem Originalzustand von 1878 sehr nahe ist. Ein besonderer Glanzpunkt der letzten Renovierung ist die neue Orgel. Die erste Orgel von H. C. Branmann (Ulm) wurde 1960 - 1962 durch eine Orgel der Gebrüder Späth (Ennetach Mengen) ersetzt, der aber kein großes Glück beschieden war. Seit 1982 überlegte man einen Neubau der Orgel. Am 4. Febr. 1990 weihte Bischof Walter Kasper die neue Orgel, gebaut von der Orgelbaufirma Rieger in Schwarzach (Vorarlberg). Die neue Orgel ist bestens qualifiziert, den Gottesdienst würdig mitzugestalten und die reichhaltige Orgelmusik aller Epochen wiederzugeben. Der Klang der Orgel, die Versammlung der Gemeinde und das Gedächtnis des Herrn erinnern stets an das trostvolle Wort der Bibel: Dieses Haus habe ich erwählt und geheiligt, dass mein Name für immer dort sei, und meine Augen und mein Herz offen seien für das Gebet an diesem Ort (2. Chron. 7,15 - 16).

Text: Peter Maier; Fotos im Eigentum der Kirchengemeinde

Altarreliquien
Bei der Altarweihe 1964 wurde der Hochaltar zu Ehren des Evangelisten Johannes geweiht und Reliquien der Märtyrer Clarus und Donatus eingeschlossen. Der Sakramentsaltar wurde zu Ehren des Allerheiligsten Altarssakraments geweiht und Reliquien der Märtyrer Felicissimus und Felicitas  eingeschlossen.
Bei den Märtyrern Clarus und Donatus sowie Felicissimus und Felicitas handelt es sich um sog. Katakombenheilige, das sind unbekannte christliche Personen aus der Antike, deren Gebeine v. a. zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert aus den römischen Katakomben entfernt, mit Namen, die aus dem Martyrologium Romanum bekannt waren, versehen und hauptsächlich in das deutschsprachige Gebiet nördlich der Alpen verbracht wurden.
Das Martyrologium Romanum führt zahlreiche Märtyrer mit den Namen Clarus und Donatus sowie Felicissimus und Felicitas auf. Eine Übersicht vermittelt u. a. das Vollständige Heiligen-Lexikon. Welche der dort erwähnten Märtyrer im vorliegenden Fall Namen gebend gewesen sind, lässt sich leider nicht feststellen.
Andererseits ist dem Kirchlichen Amtsblatt der Diözese zu entnehmen, dass Reliquien der genannten Märtyrer v. a. im Jahr 1964, aber auch in den vorhergehenden und folgenden Jahren in der Diözese Rottenburg wiederholt bei Altarweihen verwendet worden sind.
(Auskunft im Sept. 2025 von Thomas Oschmann, Diözesanarchiv)

Die St. Johannes-Kirche befindet sich an der Froschgasse 4, etwa zwei Gehminuten vom Pfarrbüro und Gemeindezentrum entfernt. 


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