Das Lieblingsweihnachtslied

Unsere Suche nach dem beliebtesten Weihnachtslied hat ein erstaunliches Echo gefunden: 25 verschiedene Lieder wurden vorgeschlagen. Gewonnen hat nicht Heilige Nacht, Stille Nacht (Platz 3) und auch nicht Nun freut euch, ihr Christen (Platz 2), sondern mit deutlichem Abstand:

Es ist ein Ros entsprungen


Als zweistrophiges Gedicht wurde es im späten 16. Jahrhundert von einem Kartäusermönch im Raum Trier in ein Gebetbuch zum ersten Mal aufgeschrieben. Die Melodie kennen wir aus einem Druck von 1599 mit Noten und mehr als 20 Strophen. Nicht diese Melodie, aber deren vierstimmige Fassung von 1609 stammt von dem lutherischen Komponisten Michael Präterius. Das Lied ist also eine ökumenische Angelegenheit! Nicht ganz: Die Konfessionen singen die 2. Strophe unterschiedlich. Der ursprüngliche Schluß, »hat sie ein Kind geboren / und blieb doch reine Magd«, entsprach in den Augen protestantischer Gemeinden zu sehr katholischer Marienverehrung: Als »hat sie ein Kind geboren / wohl zu der halben Nacht«, steht sie deshalb in deren Gesangbüchern. Eine dritte Strophe, die 1844 der Protestant Friedrich Layritz ergänzt hat, wird wiederum von beiden Konfessionen gesungen.

Es ist ein schönes Bild – diese Rose, »mitten im kalten Winter«! Wir stellen uns eine rote Blüte auf weißem Schnee als wunderschönen Kontrast vor. Und doch: Der in der ersten Strophe genannte Jesse, Jesaias Vater Isai, und der in der zweiten erwähnte Jesaia selbst zeigen, daß eine Rose gar nicht gemeint ist, sondern ein Reis, kleiner Zweig. »Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, / ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht« heißt es in Jesaja 11,1. Die Wurzel eines abgeschlagenen Baumes treibt also wieder aus – das ist das Wunder.

Das wunderträchtige Bild von der Rose im Schnee sollten wir uns, wenn wir das Lied singen, trotzdem nicht nehmen lassen! Schnee haben wir schließlich auch nicht mehr…

Barbara Wiedemann


 

Musik an Weihnachten

St. Johannes

Nachtkonzerte im Kerzenschein 2025
Do, 11. Dez., 20.30 Uhr: Auch in diesem Jahr wird es wieder Nachtkonzerte im Kerzenschein geben. Es erklingt Musik des Barock für Violine, Viola da gamba und Truhenorgel. Zu Gast sind die Tübinger Musiker Martin Jantzen (Gambe) und Niels Pfeffer (Orgel) ergänzt durch die Baseler Barockgeigerin Maya Webne-Behrmann. Auf dem Programm stehen Werke von Johann Sebastian Bach, Dietrich Buxtehude und Phillip Heinrich Erlebach.

Meister der Renaissance
Do, 18. Dez., 20.30 Uhr: das Ensemble Officium gedenkt des 500. Geburtstags eines der größten Meister der Renaissance: Giovanni Pierluigi da Palestrina. Auf dem Programm stehen u.a. der Madrigalzyklus „Le Vergini“, der die letzten Stanzen aus Petrarcas Canzionere vertont, sowie Vertonungen des Hoheliedes aus dem römischen Frühbarock.

Musik an Weihnachten
Am Hl. Abend um 16 Uhr findet wieder die Krippenfeier mit dem beliebten Krippenspiel des Kinderchores mit über 30 singenden und spielenden Kindern in St. Johannes statt. Die Proben dazu sind schon in vollem Gange.

Den Festgottesdienst am Ersten Weihnachtsfeiertag 25. Dez., 11 Uhr gestalten die Johanneskantorei und Vokalsolisten begleitet vom KammerOrchester mit der Missa in F für zwei Hörner, zwei Bratschen und konzertierende Orgel von Franz Aumann.
 

St. Michael

Konzert Südwestdeutscher Kammerchor
So, 14. Dez., 17 Uhr: Am dritten Advent gestaltet der Südwestdeutsche Kammerchor Tübingen ein Konzert mit weihnachtlicher Chormusik, wie man sie hierzulande selten hört: Es erklingen fast ausschließlich Werke aus dem 20. und noch jungen 21. Jahrhundert, die den Zauber des nahenden Weihnachtsfestes mit modernen musikalischen Mitteln transportieren. So verwandeln die Sängerinnen und Sänger die adventliche Erwartung, den Zauber einer Winternacht und die Freude auf die Ankunft des Erlösers in stimmungsvollen Chorklang. Das Konzert „Wachet auf“ unter der Leitung von Judith Mohr beginnt um 17 Uhr, der Eintritt ist frei.

Musik an Weihnachten
1. Weihnachtsfeiertag (25. Dez.), 11 Uhr: in der Eucharistiefeier wird die Nicolai-Messe (1772) von Joseph Haydn für Soli, Chor und Orchester aufgeführt. Um 18 Uhr beginnt die Feierliche Weihnachtsvesper.

2. Weihnachtsfeiertag (26. Dez.), 11 Uhr: Weihnachtsliedersingen in der Kirche.
 

St. Paulus

Advents- und Weihnachtsmusik
Do, 11. Dez., 19.30 bis 21 Uhr: „Soulful Christmas”: Christmas-Carol-Singen zum Mitsingen mit dem “Neuen Chor Tübingen“ unter der Leitung von Cornelius Beck und mit Gesangssolisten

Sa, 13. Dez., 19 Uhr: Weihnachtsoratorium mit der Dietrich-Bonhoeffer Kantorei und den Jugendchören

So, 21. Dez., 17 Uhr: gemeinsames, offenes Advents- und Weihnachtsliedersingen für alle im Gemeindehaus bei Punsch und Lebkuchen.

Fr, 26. Dez., 2. Weihnachtsfeiertag, 11 Uhr: Im feierlichen Hochamt singt der Kirchenchor die Pastoralmesse in D von Ignaz Reimann
 

St. Petrus

Weihnachtsoratorium mit dem Ensemble 
„Gradus Ad Parnassum“

Di, 9. Dez., 19 Uhr: Hören Sie das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach neu: „Wir haben uns entschieden, Auszüge aus diesem wunderbaren Werk zu erarbeiten, die zum einen eine konsistente Geschichte erzählen und sich zum anderen mit 19 Musikern aufführen lassen. Das Weihnachtsoratorium in Gänze aufzuführen würde weit über zwei Stunden dauern; unsere Fassung ist nur etwas mehr als 100 Minuten lang“.

Es singen Caroline Adler, Friedamaria Wallbrecher, Livia Kretschmann, Lea Müller, Christian Wilms, Martin Höhler, Daniel Raschinski und Santiago Garzon begleitet vom Ensemble Gradus Ad Parnassum. Leitung Felix Thiedemann.
 



Wie Musik uns dem Glauben näher bringt

Wenn man in diesen Wochen durch die Straßen geht, merkt man es sofort: Die Musik ist uns auch hier einen Schritt voraus. Selbst wer noch nicht bewusst an die bevorstehenden Festtage denkt, wird durch vertraute Klänge und Melodien ganz sanft in die Stimmung der Weihnachtszeit hineingenommen. Die Musik ist ein Schlüssel zu unserem Inneren, sie führt uns unmerklich zu dem hin, was wir hoffen, glauben oder auch vermissen.

Ein früher Beleg dafür, wie tief Musik Menschen im Glauben berühren kann, findet sich bereits beim Hl. Augustinus. Nachdem dieser in der Osternacht des Jahres 387 in Mailand von Bischof Ambrosius getauft worden war, beschreibt er in seinen Confessiones sein Erlebnis: „Wieviel Tränen habe ich vergossen, wenn ich deinen Hymnen und Liedern lauschte, tief gerührt von den Worten, die deine Kirche so lieblich sang. Jene Worte strömten in meine Ohren, durch sie strömte deine Wahrheit in mein Herz, fromme Empfindungen wallten in ihm auf, meine Tränen flossen, und es war mir bei ihnen selig zu Mute.“ Diese Worte zeigen, was viele Menschen auch heute noch erfahren: Musik ist mehr als ein ästhetisches Erlebnis, sie vermag das Herz auf eine Weise zu öffnen, wie es Worte nicht schaffen.

Und gerade in den Wochen vor Weihnachten spüren wir diese Kraft deutlicher denn je. Sobald die erste Kerze auf dem Adventskranz brennt, beginnt es in den Menschen zu klingen. Die vertrauten Lieder, die uns seit Kindertagen begleiten, schaffen einen Raum, in dem wir uns geborgen fühlen. Lieder wie „Maria durch ein’ Dornwald ging“ oder „Es ist ein Ros entsprungen“, das Präludium aus Camille Saint-Saëns’ Oratorio de Noël oder auch der Eingangschor aus Bachs Weihnachtsoratorium sind Hörspuren unserer eigenen Lebensgeschichte. Und gerade deshalb können sie etwas in uns anstoßen, was Worte allein oft nicht vermögen.

Die Musik bereitet uns aber nicht nur innerlich auf das Fest vor, sie verbindet uns auch miteinander. Advents- und Weihnachtskonzerte oder musikalisch gestaltete Gottesdienste gehören für viele Menschen zu dieser Zeit wie der geschmückte Baum oder der Duft nach Lebkuchen. Interessanterweise besuchen diese Veranstaltungen nicht nur diejenigen, die regelmäßig in die Kirche kommen. Gerade in diesen Wochen finden auch Menschen den Weg in die Kirchen, die sonst kaum Kontakt zu kirchlichem Leben haben. Vielleicht suchen sie Gemeinschaft, vielleicht Ruhe, vielleicht treibt sie eine Sehnsucht, die sie selbst nicht ganz in Worte fassen können. Und oft ist es gerade die Musik, die ihnen ermöglicht, für einen Moment ihre eigene Spiritualität zu spüren.

Ich erinnere mich an eine Begegnung nach einem der Adventlichen Nachtkonzerte im Kerzenschein, bei der mir ein Besucher sagte: „Ich bin kein gläubiger Mensch, aber heute hab ich überirdische Klänge vernommen.“ Solche Sätze zeigen: Musik baut Brücken zum Göttlichen. Sie erreicht Menschen, wo Sprache an ihre Grenzen stößt. Sie schafft Resonanzräume, in denen sich etwas öffnet. Das gilt für die großen oratorischen Chorwerke genauso wie für das kleine Orgelpräludium am frühen Sonntagmorgen.

Vielleicht liegt es daran, dass das Hören von Musik uns erlaubt, einfach einmal nur zu sein, ohne Argumente, ohne Erwartungen, ohne davon abgelenkt zu werden, was wir sehen. Im Hören von Musik darf der Glaube atmen. Er darf sich zeigen, unaufdringlich oder auch kraftvoll. Gerade die Weihnachtszeit erinnert uns daran, dass Gottes Nähe oft im Leisen erfahrbar wird, im Flüstern eines Engels, im Wimmern des neugeborenen Kindes, oder eben auch im Klang einer Melodie, die uns mitten ins Herz trifft.

So lädt uns die Musik ein, die eigene Glaubensreise neu zu entdecken: nicht als intellektuelle Übung im Sinne von „Musik kommentiert“, sondern als Erfahrung, welche die Sinne berührt. Wer singt, der spürt, wie sich die Brust weitet und wie der Atem fließt. Wer hört, lässt sich vom Klang tragen. Wer gemeinsam musiziert, wird Teil einer lebendigen Gemeinschaft, die mehr ist als die Summe ihrer Stimmen. Und wer all dies in der Advents- und Weihnachtszeit erlebt, der kommt dem Geheimnis von Weihnachten vielleicht ein Stück näher: dass Gott uns nicht fern ist, sondern mitten unter uns. 

Wilfried Rombach



Was macht Musik mit den Menschen?

„13 gute Gründe, im Chor zu singen“, „Die Kraft der Stimme: warum Singen glücklich macht“ und „Gesundheit durch Chorgesang“. Das sind nur wenige Überschriften aus einem üppigen Feld an Veröffentlichungen zu den Vorteilen des Singens. Ob allein oder im Chor: Singen verlängert das Leben. Es stärkt das Immunsystem und das Herz-Kreislauf-System gerät schon nach 15 Minuten so richtig in Schwung. Singen ist Hochleistungssport auf kleinstem Raum: Lunge, Kehlkopf, Stimmlippen und Muskeln aus dem ganzen Körper sind am Vorgang beteiligt. Die Atmung wird gestärkt und der Körper erhält mehr Sauerstoff.

Als Chorleiterin des Ökumenischen Kirchenchors Tübingen-Hirschau erlebe ich diese positiven Effekte des Singens immer wieder. Aber in unseren Proben zeigt sich dann auch schnell, dass das gemeinsame Singen genauso großen Einfluss auf das psychische Wohlbefinden hat. Jeden Mittwochabend kommen wir aus den unterschiedlichsten Lebenssituationen zusammen. Manche kommen direkt von der Arbeit und für andere ist es der erste Termin in der Woche. So ist dann auch für mich jede Probe ein soziales Erlebnis. Die Chormitglieder bringen unterschiedliche Erwartungen und Bedürfnisse in die Probe mit. Ich als Chorleiterin muss mich deswegen also nicht nur um die Stimmen der Sängerinnen und Sänger kümmern, sondern auch um deren Stimmung. Manchmal läuft es in der Probe einfach nicht so rund: es ist mühsam, die Stimmen zu lernen, man ist unkonzentriert und macht mehr Fehler, die Intonation ist schlecht. Oft sind die Ursachen dazu gar nicht im Notentext zu finden. Vielleicht liegt es gar nicht an der Vokalfarbe oder Stimmbalance, dass die Intonation des Chores so absinkt, sondern daran, dass die Heizung viel zu warm eingestellt ist und dadurch der Körper und die Konzentration an Spannung verliert? Vielleicht ist ein bekanntes Gemeindemitglied verstorben und es gelingt einfach nicht, Jubellieder mit der geforderten Fröhlichkeit zu singen? Oder manchmal reicht es auch schon, dass die gewohnte Sitznachbarin oder der gewohnte Sitznachbar nicht zur Probe kommen konnte und deswegen alles nicht mehr ganz so leicht fällt.

Immer wieder bin ich als Chorleiterin gefordert, die Stimmung zu erspüren und mir das richtige Vorgehen zurechtzulegen. Dann muss ich oft meinen Plan anpassen und lege doch lieber einen anderen Schwerpunkt für die Probenarbeit oder gehe einfach weiter zu einem anderen Stück. Und vielleicht war es dann in diesem Moment eine gute Entscheidung.

Dann kümmere ich mich eben beim nächsten Stück um die richtigen Töne und den richtigen Rhythmus für jede Stimme. Ich leite spezielle Stimmübungen an und helfe dabei, bestimmte Passagen auch stimmlich zu meistern. Ich achte darauf, dass zwischen den Stimmen die richtige Balance herrscht – also dass nicht eine Stimme viel lauter singt, als eine andere. Ich fordere eine homogene Klangfarbe ein, damit auch innerhalb der Stimmgruppen keine Einzelstimmen herausstechen. Und ich vermittle, welche Schwerpunkte und Textbetonungen ich mir für bestimmte Phrasen vorstelle und welche Lautstärken zu beachten sind. All diese Dinge kann ich mir im Voraus zurechtlegen und mir die Methoden zur Vermittlung daheim ausdenken. Mithilfe meiner Erfahrung kann ich dann vor Ort reagieren und Entscheidungen treffen, wie es weitergehen soll. So bereite ich den Chor auf die speziellen Musikstücke vor und sorge dafür, dass das Singen sowohl auf unsere physische, als auch auf die psychische Gesundheit einen positiven Einfluss hat.

Was ich aber zu Hause nicht so gut zurechtlegen kann, ist die Musik selbst. Alle meine Methoden und Strategien mögen das klangliche Gesamtergebnis verbessern und den Notentext so ideal wie möglich wiedergeben. Aber die Musik entsteht immer währenddessen, dazwischen und darüber hinaus. Sie geht aus der Kommunikation zwischen mir und dem Chor, aber auch zwischen den Sängerinnen und Sängern untereinander hervor. Die Musik existiert nicht ohne den Notentext und gleichzeitig löst sie sich von diesem ab. Wir brauchen unsere vereinten Stimmen, um die richtigen Töne zu erzeugen, aber wir brauchen viel mehr unsere individuelle Vorstellung und unser individuelles Empfinden, um die Musik hervorzubringen.

Und so kann Musik für jede und jeden auch etwas anderes bedeuten. Während wir als Chor ein bestimmtes Musikstück singen, indem wir auf die richtigen Töne und den richtigen Rhythmus achten, auf eine gute stimmliche Umsetzung und das richtige Verhältnis zwischen den Stimmen und auch innerhalb der einzelnen Stimmgruppen, kann genau dieses Musikstück für eine bestimmte Sängerin besonderen Trost spenden, weil der Text sie berührt. Ein anderer Sänger empfindet Nostalgie, weil er dieses Stück oft in seiner Kindheit gesungen hat. Oder eine weitere Sängerin lernt das Stück erst neu kennen und erklärt es zu ihrem Lieblingsstück, weil die Melodie sie einfach in besonders gute Stimmung versetzt.

Das ist für mich die wahre Kraft der Musik, die weit über die vielen gesundheitlichen Vorteile des Singens hinausgeht. Dank der Musik gehen alle Sängerinnen und Sänger mit einem Lächeln aus der Chorprobe. Neben allen Aufgaben, Methoden und Strategien ist die Musik das, was bei jeder Probe im Mittelpunkt stehen sollte, sowohl für die Chormitglieder, als auch für mich als Chorleiterin. 

Elisabeth Vöhringer