
War es in früheren Zeiten üblich, von der „heiligen Mutter Kirche“ zu sprechen, so ist in den letzten Jahren – insbesondere seit dem Beginn der Aufdeckung der Verbrechen des sexuellen Missbrauchs im Jahr 2010 – die „Schuld der Kirche“ in aller Munde.
Natürlich hat man schon immer gewusst, dass die Kirche keine reine Ansammlung von Heiligen ist, sondern dass es in ihr handfeste Sünder, ja auch regelrechte Verbrecher gibt. Doch man hat die Sünde nach katholischem Verständnis ausschließlich den einzelnen Menschen in der Kirche zugerechnet. Die Kirche als solche sah man davon unberührt und als heilig an. Andererseits gilt, dass die Kirche nirgendwo anders lebt als in ihren Kirchenmitgliedern. Eine Kirche „an sich“ als abstrakte, von den Gläubigen losgelöste Größe gibt es nicht. Kann sich dann aber eine Institution wie die Kirche überhaupt „schuldig“ machen?
Es hat seinerzeit für Aufsehen gesorgt, als Papst Johannes Paul II. im Heiligen Jahr 2000 zusammen mit sieben Kurienkardinälen ein öffentliches Schuldbekenntnis abgelegt hat für die Verfehlungen, die im Laufe der Geschichte aus den Reihen der Kirche begangen worden sind. Und es ist kein Geheimnis, dass Kardinal Joseph Ratzinger damals als Präfekt der Glaubenskongregation diesem Vorhaben skeptisch gegenüber stand. Aber auch kirchenkritische Zeitgenossen haben in den letzten Jahren darauf hingewiesen, dass eine allzu leichtfertige Rede von der „Schuld der Kirche“ dazu führen kann, dass konkrete Personen, die sich schuldig gemacht haben, sich mit Hinweis auf das „System Kirche“ ihrer Verantwortung entziehen. Wie kann man also von einer „Schuld der
Kirche“ sprechen?
Zu einem besseren Verständnis kann uns die lateinamerikanische Theologie der Befreiung helfen. Sie kannte schon vor Jahrzehnten den Begriff von den „Strukturen der Sünde“. Dieser besagt, dass Verfehlungen und Schuld, die konkrete Personen auf sich geladen haben, sich derart anhäufen und über die Zeit hin verfestigen können, dass sie gewissermaßen zu einer eigenen Wirklichkeit werden, die über die konkreten einzelnen Verfehlungen hinausreicht und auch andere Menschen, die gar nicht die Absicht haben, Böses zu tun, in einen Zusammenhang von Unrecht und Schuld hineinverstrickt. Die Theologie der Befreiung hatte dabei vor allem ungerechte soziale und wirtschaftliche Strukturen vor Augen, deren Ursprung zwar in einzelnen konkreten Unrechtstaten liegt, die aber über Folgetaten und die Zeit hinweg ein Eigenleben entwickeln, das Unrecht, Korruption, Ausbeutung und Abhängigkeit über Generationen hin fortschreibt. Ein aktuelles Beispiel für diesen Zusammenhang ist die Debatte über die Verantwortung der Kolonialmächte für die ungleiche Entwicklung der Länder auf der nördlichen und der südlichen Hälfte unseres Globus bis heute.
Doch gehen wir zur Kirche zurück. Die Aufarbeitung der Thematik der sexuellen Gewalt hat unser Bewusstsein für die „Schuld der Kirche“ geschärft: Da ist an erster Stelle die Schuld der Täter, die ihre Macht und das Vertrauen der Betroffenen schändlich missbraucht haben. Zur Problematik gehören aber auch diejenigen, die den Opfern nicht geglaubt haben. Des weiteren gehören dazu diejenigen, die etwas gewusst, aber geschwiegen haben. Und nicht zuletzt gehören dazu die Amtsträger, die sich des Themas nicht entschieden genug angenommen oder es sogar aktiv vertuscht haben. All das zusammengenommen zeigt, dass man tatsächlich nicht nur von der Schuld einzelner Kirchenmitglieder, sondern von einer „Schuld der Kirche“ sprechen kann.
Vor dieser Schuld können und dürfen wir uns nicht wegducken. Hier gilt das Wort Jesu: „Nur die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Joh 8,32) Deshalb heißt es, dieser Wahrheit ins Gesicht zu schauen, so schmerzlich sie auch ist. Als Christinnen und Christen sind wir auch davon überzeugt, dass „Wahrheit“ letztlich ein anderer Name für Jesus Christus ist, der von sich gesagt hat: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6) Jesus bekommt – Gott sei Dank – die Dinge zusammen, die wir so oft nicht zusammen-bekommen: Wahrheit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.
Daraus können wir den Mut gewinnen, zur „Schuld der Kirche“ zu stehen und zugleich wachsam zu sein für die Gefahr, an anderen schuldig zu werden und sei es nur aus Gedankenlosigkeit, Bequemlichkeit oder Desinteresse. Für Papst Franziskus gehörte die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ zu den Grundübeln unserer Zeit.
Bischof Dr. Stephan Ackermann, Trier
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Schuld gehört zu jedem Menschen. Als freie Menschen werden wir an anderen und auch an uns selbst schuldig. Weil wir Menschen sind und Fehler machen. Wir alle kennen es, uns schuldig zu fühlen. Manchmal sogar ohne Grund. Bei Menschen im Gefängnis ist das anders, sie werden vor Gericht „Im Namen des Volkes“ verurteilt und somit schuldig gesprochen. Ob man sich dann auch schuldig fühlt, steht auf einem ganz anderen Blatt.
Was macht das mit einem Menschen? Wenn schwarz auf weiß geschrieben steht und auch verkündet wird: „Sie sind schuldig in der Sache…“?
Gefangene sind keine Monster, in aller erster Linie sind sie Menschen (!), die Fehler, zum Teil sehr große Fehler, begangen haben. Aber das darf nicht dazu führen sie zu entmenschlichen. Daher spielt in meiner Arbeit als Seelsorgerin der Grund, warum ein Mensch inhaftiert ist, zuallererst keine Rolle. Zumindest von meiner Seite aus. Als Seelsorgerin versuche ich, die Person, den Menschen, der vor mir sitzt, in den Mittelpunkt meiner Begleitung zu stellen. Das bedeutet aber auch, dass ich versuche, die Autonomie des Gefangenen so groß zu machen, wie es nur geht. Denn im normalen Gefängnisalltag ist alles durchreguliert und getaktet. Es gibt kaum freie Entscheidungsmöglichkeiten, und so ist mein Anliegen, dass zumindest im Rahmen eines seelsorgerlichen Gesprächs mein Gegenüber frei entscheiden kann, worüber er mit mir sprechen will. Dies führt dazu, dass das Thema „Schuld“ nicht an allererster Stelle steht. Wenn ein Gefangener sich dazu entscheidet, über seine Straftat zu sprechen, dann geschieht dies nicht leichtfertig. Etliche Gefangene leiden unter dem, was sie anderen angetan haben. Manch einer versucht seine Taten zu rechtfertigen, andere leugnen schlicht, dass sie überhaupt schuldig sind. Die Bandbreite ist also groß. Und dennoch geschieht es immer wieder, oft erst nach mehreren Gesprächen, dass sich einzelne Gefangene öffnen und ausführlich mit ihrer Schuld beschäftigen.
Ich glaube dies kann gelingen, weil wir Seelsorger versuchen, auch für die Gefangenen einen „safe space“ zu eröffnen. Einen Raum, in dem mal alles sagen darf, ohne Sorge vor den Konsequenzen haben zu müssen. Ohne beurteilt zu werden. Ohne, dass von dem, was man sagt oder wie man sich verhält, abhängt, ob man früher entlassen wird. Dieser „safe space“ kann dann dazu führen, dass ein Gefangener Vertrauen aufbaut und etwa sagt: „Ich bin froh, dass ich jetzt im Gefängnis bin. Hier habe ich Zeit zum Nachdenken.“
„Wahrscheinlich wäre ich nicht mehr am Leben, wenn ich nicht hier wäre.“ „Es war richtig scheiße, Frau Funk, was ich da gemacht habe. Und ich kann es nicht mehr ändern und wiedergutmachen. Aber es tut mir voll leid! Ich hab auch über das Gericht einen Brief an mein Opfer geschrieben und mich entschuldigt. Ich hoffe so, der Brief auch angekommen ist.“ „Wenn ich wieder raus bin, will ich was Anständiges mit meinem Leben machen. Aber ich weiß gar nicht, was.“
Schuld ist im Gefängnis omnipräsent – im Hintergrund läuft das Thema immer mit, ausgesprochen wird es umso seltener. Vieles wird mit sich selber ausgemacht. Sich jemandem anzuvertrauen ist oft sehr schwer. Es gehört eine große Portion Mut dazu sich selber einzugestehen, dass man etwas falsch gemacht hat, dass man mit seinem Verhalten anderen Menschen etwas angetan hat, was man nicht so einfach wieder gut machen kann. Viele Gefangenen müssen hier erst mühsam lernen, dass sie mit ihrem Verhalten Opfer hinterlassen. Sie erfahren sich selbst als Opfer, der Umstände oder der eigenen Kindheit beispielsweise. Hier ist dann unsere Aufgabe das einerseits ernst zu nehmen und gleichzeitig deutlich zu machen, dass die eigene Verletzung keine Rechtfertigung dafür ist, andere zu verletzen. Bis dies bei meinem Gegenüber ankommt, dauert es oft lange und ist oft ein schmerzhaftes Eingeständnis.
Sich seiner Schuld, den Schuldgefühlen, und der Scham zu stellen ist für niemanden einfach, ob im Gefängnis oder außerhalb. Wenn es ab und an gelingt, dass Gefangene sich ihrer Taten wirklich bewusst werden und verstehen, was man anderen angetan hat, dann sind das Sternstunden unserer Arbeit.
Die Aufgabe für uns alle (!) bleibt, sich immer wieder von Neuem in Erinnerung zu rufen, wir alle machen Fehler und werden aneinander schuldig – aber wir alle sind auch deutlich mehr als die Summe unserer Fehler.
Susanne Funk,Katholische Gefängnisseelsorge Rottenburg
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Das Sakrament der Beichte
„Kommt überhaupt noch jemand zum Beichten?“ Diese Frage höre ich immer wieder, mal eher distanziert bis spöttisch, mal nachdenklich bis selbstkritisch. Umso größer dann die Überraschung, wenn ich antworte: „O ja! Oft reichen die Beichtzeiten nicht!“ Tatsächlich sind die Angebote gut frequentiert – freitagabends ab 18 Uhr in einem Sakristeiraum von St. Johannes und samstagabends ab 17 Uhr abwechselnd in den Beichtzimmern von St. Michael und St. Paulus, jeweils vor der Abendmesse. Nicht selten geht es nach dem Gottesdienst noch weiter.
„Kommt überhaupt noch jemand zum Beichten?“ Diese Frage hat ihren Grund. Im Gemeindeleben ist die Beichte vielerorts verschwunden. Beichtstühle werden als Besenkammer zweckentfremdet. Oft heißt es im Schaukasten nur noch: „Beichtgelegenheit nach Vereinbarung“. Für die spontane Entscheidung zu beichten ein Motivations-Killer! Freilich: Wo es um Schuld geht oder eine andere Not, gehen Menschen gerne dorthin, wo man sie nicht kennt. Das spüren wir auch in Tübingen. Neben den regulären Angeboten gibt es inzwischen immer mehr Anfragen nach einem persönlichen Termin zum Beichtgespräch. Wenn du als Priester schon ein paar Jahre da bist, kennen dich die Menschen. Aber das ist nur die eine Seite. Zu unterschiedlich sind die, die kommen. Ältere, v.a. aber Jüngere (!). Aus Tübingen mit Umland oder von ganz woanders oder schlicht auf der Durchreise. Spontan oder wohlüberlegt. Voller Sehnsucht oder nach langem Ringen. Klassische Kirchgänger wie auch Menschen, die einer anderen Kirche oder gar keiner angehören. Und: ganz international. Was suchen sie? Waren es früher in der Regel die klassischen 5-Minuten-Beichten vor den Hochfesten, ursprünglich als Zugangsbedingung zum Empfang der Kommunion gedacht (nach Mt 5, 23-24) und heute noch Pflicht bei unseren orthodoxen Glaubensgeschwistern, so erlebe ich die meisten Beichten inzwischen als etwas sehr Persönliches, als echtes Gespräch über Leben und Glauben. Menschen spüren, dass in ihrem Leben etwas nicht in Ordnung ist, und suchen einen Weg. Oder auch: Menschen kommen (wieder) zum Glauben und merken, was ihnen gefehlt hat. Es geht um Klarheit, Orientierung. Oder sie wollen schlicht eine Last loswerden, die ihre Gedanken besetzt und ihnen die Kraft zum Leben raubt. Überhaupt kommt oft das Leben in seiner ganzen Breite auf den Tisch. Familie, Arbeit, Beziehungen. Alte Geschichten und konkrete Alltagssituationen. Eigene Schuld und fremde Schuld an ihnen. Ich spüre ihr Bedürfnis, dass ihnen jemand zuhört und sie ernst nimmt. Das Bedürfnis nach einem Schutzraum, „wo ich Schwäche zeigen kann, ohne verurteilt zu werden“. Und ich bin zutiefst berührt: von dem Vertrauen in dieses Sakrament; von dem Vertrauen in mich; von der Ehrlichkeit; vom genauen Hinschauen. Und immer wieder von dieser Entschiedenheit, reinen Tisch zu machen. Ich beobachte mich, wie ich selber innerlich „mitbeichte“. Das, was die Leute mir sagen, hilft mir wie ein Spiegel, mein eigenes Leben besser zu verstehen und mit Gott darüber im Gespräch zu bleiben. Die Beichte ist also auch ganz konkret ein Ort der Solidarität mit den Menschen – in ihren Nöten, in ihrer Schuld. Und noch was: „Die Beichte ist der einzige Ort, wo ich mich nicht rechtfertigen muss“, höre ich bei einem Elternabend. Erstaunlich! „Wo ich mich nicht rechtfertigen muss!“ Was steckt da für ein Druck dahinter, was für eine beklemmende Erfahrung mit unserer gnadenlosen Welt! Und was für eine Zuversicht! Wir schauen auf Jesus, der bedingungslos vergibt – in so vielen Begegnungen, bis hin zum letzten Atemzug. Jesu Tod durchkreuzt die Macht des Bösen und die Unausweichlichkeit von Schuld und Vergeltung. „Die Beichte ist der einzige Ort, wo ich mich nicht rechtfertigen muss.“ Denn: Jesus hat uns gerechtfertigt! Das hat Folgen: Bekenntnis („Das habe ich getan bzw. nicht getan…“) und Reue („…und das tut mir leid!“) – mehr braucht es in der Beichte nicht. So wie der Barmherzige Vater im Gleichnis (Lk 15, 11-32) den zurückkehrenden Sohn einfach in den Arm nimmt, statt Erklärungen einzufordern oder ihm erst einmal die Meinung zu geigen. Meine eigene Rolle als Beicht-„Vater“ sehe ich folglich in dreifacher Hinsicht. Im Zuhören (eine Art „4-Augen-Prinzip“, bei dem ich Gott sozusagen meine Augen und Ohren leihe). Im „Türöffnen“ (nach Gal 5, 13: „Ihr seid zur Freiheit berufen“ – gerade dort, wo eine Situation verfahren ist oder die Selbstwahr-nehmung zur Selbstentwertung neigt). Und eben im Lossprechen: „Gott hat die Welt mit sich versöhnt…“ (nicht umgekehrt!). „So spreche ich dich los von deinen Sünden…“ Es ist noch einmal ein kolossaler Mehrwert, wenn mir das einer ins Gesicht sagt: „Du, es ist wieder gut!“ Auch in den Bußandachten bzw. Versöhnungsgottesdiensten vor Weihnachten und Ostern bieten wir eine solche persönliche (Kurz-)Begegnung an, als Lossprechung oder als Segen. Folgerichtig gehört für mich im Anschluss der Handschlag dazu oder, wo es möglich und erwünscht ist, eine Umarmung.
Ich habe mehrfach erlebt, dass ganz fremde Menschen sich beim Weggehen nochmal umdrehen mit der Frage: „Können Sie mich bitte nochmal in den Arm nehmen?“ Sprechende Zeichen („Sakrament“) der Heilung und der bedingungslosen Annahme, die in der langen Tradition der Beichtstuhlbeichte schlicht verloren gegangen sind. Wo wir sie neu entdecken, wo ich aktiv Vergebung erfahre, bekommt das Sakrament der Versöhnung nicht nur eine neue Relevanz für die einzelnen Menschen, sondern für das Miteinander in der Gemeinde und ihren Auftrag in unserer Zeit.
Ulrich Skobowsky, Pfarrer