„Das Wort Gottes wächst“ – Impulse aus der Apostelgeschichte

Vor allem in der Osterzeit hören wir täglich aus der Apostelgeschichte. Viele Erzählungen daraus sind uns vertraut: Himmelfahrt und Pfingsten, die Steinigung des Stephanus, die Bekehrung des Paulus und seine Reisen ... Es ist die Geschichte der frühen christlichen Gemeinden nach Ostern, die wir hier von Lukas erzählt bekommen. Ihm ist es wichtig, dass sein Evangelium und die Apostelgeschichte eine Einheit bilden: Was im Evangelium begonnen hat, was Jesus da gelehrt und gelebt hat, das setzt sich nach Ostern fort, ist nicht vergessen, sondern wird weitererzählt. Es geht um Kontinuität, nicht nur im ersten Jahrhundert, sondern durch die ganze Geschichte hindurch bis heute. Das ist das Fundament unseres eigenen Christsein. Natürlich verändert sich permanent alles und wir müssen erfinderisch und kreativ sein, wie wir die Botschaft ins Heute umsetzten.

Das Weitererzählen und die Kontinuität können wir im Text finden. Da heißt es nicht, dass die Kirche wächst, sondern immer wieder lesen wir so oder ähnlich: „Das Wort Gottes aber wuchs und breitete sich aus“ (Apg 12,24). Das meint Jesu Wort und Taten, also das, von dem Lukas im Evangelium erzählt.

Für mich ist das ein wichtiger Impuls, zu fragen, worauf es im Christsein ankommt. Was soll wachsen? Die Teilnehmer der Gottesdienste? Die Kirchensteuereinnahmen? Die Mitarbeiterzahl im Pastoralteam? Sicherlich haben wir viele Wachstumswünsche. Nichts anderes kennen wir aus unserem Wirtschafssystem. Alles soll wachsen. Aber spätestens jetzt zur Zeit von CORONA sieht vieles anders aus. Die Wirtschaft wächst jetzt sicherlich nicht. Dafür wachsen Ängste. Berechtigterweise. Sorgen um die eigene Gesundheit und die der Lieben. Sorgen um die berufliche Existenz und um vieles mehr!

Wie gehen wir als Christinnen und Christen damit um? Der Impuls aus der Apostelgeschichte: Das Wort Gottes wächst. Das soll jetzt nicht als frömmelnde und floskelhafte Antwort auf die Probleme der Zeit daher kommen. Das ist eine spirituelle Einladung und Herausforderung, die wirklich zum Leben und zum Umgang mit unseren Ängsten hilft. Probieren wir es aus! Mit unserer Heiligen Schrift, der Bibel, haben wir einen ungeheuren Erfahrungsschatz vieler Menschen, die vor uns gelebt haben. Die Existenzängste und Bedrohliches erlebt haben. Die mit ihren Zweifeln und ihrem Glauben gerungen haben. Die menschliche Enttäuschungen und Versagen kennen. Die Bibel ist voll von menschlichen Gefühlen und Erlebnissen. Darin können wir uns wiederfinden. Fangen Sie doch einfach an, die Apostelgeschichte zu lesen. Ganz langsam, Wort für Wort, nachdenkend, fragend, tastend, staunend und kopfschüttelnd. Auf dass das Wort Gottes wächst, auf dass unsere Hoffnung
und unsere Zuversicht wachsen. Besonnenheit und Ruhe sind gerade heute viel wert. Dafür braucht es geistliche Nahrung. Pfarrer Dominik Weiß

Petrus und Paulus – Vorbilder in Sachen Streit?

Anlass für Streit scheint es stets und zu vielfältigen Themen zu geben – ob in der Politik, in der Kirche oder in der Familie. Und oft erleben wir nicht unbedingt die konstruktivsten Varianten, mit strittigen Themen umzugehen. Da scheint man sich nicht zuzuhören, die verschiedenen Positionen sind unvereinbar, Emotionen kochen über… Konflikte und Streit sind so alt wie die Menschheit, und auch in der Urkirche waren Christ*innen nicht immer ein Herz und eine Seele. Mit der Verbreitung des Christentums gab es immer wieder neue Herausforderungen zu bewältigen und Fragen zu klären.

Einer dieser Konflikte ist in der Apostelgeschichte
(Apg 15) überliefert – und parallel dazu im Paulus-Brief an die Gemeinde in Galatien (Gal 2). Verhandelt wird hier die Streitfrage, wie in der Mission weiter vorgegangen werden soll: Müssen und können die sogenannten Heiden nur über das Judentum zum Christentum kommen, das bedeutet Beschneidung und Einhaltung der Reinheitsgebote, oder nicht? Prominente Vertreter der unterschiedlichen Positionen sind Paulus und Petrus. Paulus ist überzeugt, dass der „Umweg“ über das Judentum nicht notwendig ist, und er praktiziert das auf seinen Reisen auch in dieser Weise. Es geht ihm um die Einheit von Juden und Nicht-Juden in den christlichen Gemeinden. Und letztlich um die Bedeutung der Taufe als einziger Voraussetzung für das Christsein. Hingegen vertritt Petrus zusammen mit Vertretern in Jerusalem die Haltung, dass der Zugang zum Christsein nur über das Judentum möglich ist, und daher auch weiterhin die jüdischen Gebote eingehalten werden müssen. Für Petrus geht es auch um Einheit, um die Bewahrung der Einheit der christlichen Gemeinden in Israel, die sich durch unterschiedliche Praktiken unterscheiden sollen.

Ein schwerer innerkirchlicher Konflikt der frühen christlichen Gemeinden, in dem sich Petrus und Paulus als Vertreter entgegengesetzter Positionen gegenüberstehen. Über Verständigung und Dialog wird auf dem sogenannten Apostelkonzil um eine gemeinsame Lösung gerungen. Diese Auseinandersetzung war gut und notwendig, vermutlich auch schmerzhaft. Sie hat dazu beigetragen, die unterschiedlichen Positionen wahrzunehmen, differenziert zu betrachten und ein neues Miteinander zu gestalten. 

Können wir aus diesem „Apostelstreit“ und seiner Überlieferung etwas für uns und unser Streiten heute lernen? Nun mag vielleicht der teilweise polemische Sprachstil nicht gerade erstrebenswert sein. Sieht man davon ab, gibt es für eine gute Streitkultur einiges zu entdecken. Drei Aspekte möchte ich herausgreifen:

Für die Lösung eines Konflikts ist es unerlässlich und wesentlich, die verschiedenen Positionen zu kennen, zu verstehen und zu benennen. Die beiden Fassungen des Apostelkonzils sind in der Apostelgeschichte und im Galaterbrief überliefert, nicht angeglichen oder harmonisiert worden. Das dient der Klarheit und die Konfliktparteien werden in ihrer Unterschiedlichkeit wahr- und ernstgenommen. Eine gute Basis für ein Miteinander.

Es ist wichtig und sinnvoll, sich mit dem eigenen Anliegen nicht isoliert zu betrachten, sondern sich im Verhältnis zu anderen zu begreifen – zur Familie, zur Gemeinde oder zur Weltgemeinschaft. Setzen Petrus und Paulus bei ihrem Wunsch nach Einheit auch unterschiedliche Akzente, so haben sie doch mehr als nur ihre Gemeinschaft vor Ort im Blick. Indem ich mich als Teil einer Gemeinschaft begreife, kann ich mein Anliegen im Blick haben und gleichzeitig Verantwortung übernehmen für die Gemeinschaft bzw. die Welt, in der ich leben will. Egozentrisches Durchboxen eigener Interessen hat hier keinen Raum.

Dialog ist eine einzigartige Chance, die verschiedenen Beobachtungen und Beurteilungen miteinander zu teilen – alle dürfen sprechen und alle hören, Kritik wird geäußert und gehört. Und dann wird miteinander um eine gemeinsame Lösung gerungen. Das braucht Kraft und den Willen zum Miteinander, ebenso wie Augenhöhe und Respekt. 

Nach dem Apostelkonzil zeigt sich, dass der gefundene Minimalkonsens– keine Beschneidung und verkürzte Reinheitsgebote für Heidenchristen – keine Garantie für Frieden ist. Es wird weiter gestritten, über das Verständnis der Beschlüsse und die Verweigerung der Umsetzung mancherorts. Dialog und eine gute Streitkultur bleibt also eine ständige Aufgabe, damals und heute.

Konflikten nicht ausweichen, die Anliegen genau betrachten und benennen, Verbundenheit wahrnehmen und immer wieder ins Miteinander gehen, um dort gemeinsame Lösungen zu finden – darin können Petrus und Paulus Vorbild sein und das wünsche ich uns. Kerstin Schelkle, Leiterin KHG

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Es ist eine spannende Situation, die uns der Evangelist Lukas zu Beginn des sechsten Kapitels der Apostelgeschichte skizziert: In der Jerusalemer Gemeinde gibt es Probleme, und das gleich auf mehreren Ebenen. Ein Teil der Gemeinde, die Witwen der Hellenen, erhalten im Vergleich zu ihren hebräischen Pendants eine nicht als ausreichend erachtete Versorgung, was offensichtlich zum Aufgabenbereich der Gemeinde und der Apostel gehörte. Zweites Problem: Die Apostel sind mit den sich wandelnden Bedingungen in der wachsenden Gemeinde überfordert und schaffen es nicht, diesem Bedürfnis der Versorgung nachzukommen, ohne ihre Aufgaben im Bereich des Gebets und der Verkündigung des Wortes zu vernachlässigen. Sie brauchen nach ihrer eigenen Einschätzung Unterstützung. Die Lösung dieser durchaus potentiell konfliktiven Situation in der Gemeinde gilt als einer der wichtigsten biblischen Belege für das heutige Diakonat. Die Apostel rufen die Gemeinde zusammen und fordern sie auf, aus ihrer Mitte „sieben Männer von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit“ auszuwählen. Diese erhalten die Aufgabe, den Dienst an den Tischen zu übernehmen und für die Versorgung auch der hellenischen Witwen zu sorgen. Angesichts der Handauflegung durch die Apostel liegt es aus heutiger Perspektive nahe, diese Stelle als zentralen Beleg für ein späteres Amt zu lesen, und die Aufgaben der heutigen Diakone von dieser Beauftragung durch die Apostel her zu begründen. 

Diese Erzählung aber nur so zu lesen greift zu kurz, für uns und unsere Situation heute birgt sie noch erheblich mehr Potential. Lukas geht es in der Apostelgeschichte nicht um eine historische Erzählung, sondern darum, das durch Jesus in die Welt gekommene Heil anhand der Geschichte der ersten Gläubigen zu belegen und die Ausbreitung des frühen Christentums als Beispiel für den Erfolg der jesuanischen Botschaft zu erzählen. Was Lukas in dieser Bibelstelle sichtbar machen möchte, ist die vorbildliche Lösung einer potentiellen Konfliktsituation. Bis zu dieser Szene ist die Jerusalemer Gemeinde in der Apostelgeschichte „ein Herz und eine Seele“, hier werden erstmals innergemeindliche Schwierigkeiten sichtbar. In diesem Kontext etabliert Lukas eine vorbildliche Problemlösung. Das hier sichtbar werdende Rollenverständnis ist ein interessanter Spiegel für unsere heutige Gegenwart. Die Apostel sind bei Lukas in erster Linie die Hirten ihrer Gemeinde, die in teilweise engstem Zusammenhang mit den Gläubigen leben und nur mit diesen zusammen das Reich Gottes bilden können. Genau so lässt sich diese Stelle verstehen: Die Apostel lösen diese Probleme nicht als Top-Down-Prozess, indem sie der Gemeinde ein Vorgehen vorschreiben, sondern sie beziehen die Gemeinde ein und lassen sie die Auswahl der neuen „Dienstleister“ übernehmen.

Hier wird ein Gemeinde- und Leitungsverständnis sichtbar, das angesichts des sich abzeichnenden Wandels in den nächsten beiden Jahrzehnten ausgesprochen anregend ist. Bei Lukas wird ein zentrales Element der christlichen Gemeinde in den Vordergrund gerückt, das auch für unsere Zukunft wichtig werden wird: Die wechselseitige Verantwortung aller Christen und Christinnen füreinander und für ein gelingendes Zusammenleben. Bei Lukas arbeiten alle Protagonisten reibungslos zusammen, ohne die Gemeindemitglieder geht es nicht. Diese übernehmen ebenfalls Verantwortung: Nicht nur weisen sie auf Dinge hin, die nicht optimal laufen oder gar zu Ungerechtigkeit führen, sie sind zugleich integraler Bestandteil des Lösungsprozesse. Sie sind es, die die Personen bestimmen, die in Zukunft die Verantwortung für die Bewältigung des Problems in der Jerusalemer Gemeinde übernehmen sollen. Auch wenn uns Lukas leider über das genaue Vorgehen bei der Wahl selbst im Unklaren lässt, die Apostel bestätigen nur die Auswahl der Gemeinde durch ihr Gebet und die Handauflegung. 

Eine solche Verantwortungsübernahme aller für die eigene lokale Gemeinde wird in den nächsten Jahren angesichts schrumpfender Gemeinden und immer weniger werdender Hauptamtlicher von entscheidender Bedeutung für ein gelingendes Gemeindeleben sein. Insofern freue ich mich besonders über das große Engagement der eben neu gewählten Kirchengemeinderäte, deren Mitglieder in den nächsten Jahren neue Akzente setzen und Verantwortung gemeinsam mit allen Getauften wahrnehmen werden. Gerade als Diakon, als jemand, der für die Ränder der Gemeinde da sein möchte, bin ich gespannt, was sich hier in den nächsten Jahren durch die Zusammenarbeit aller entwickeln wird. Diakon Christian Handschuh