
Gerd Ackermann, Architekt
Eine Begegnung
Begleiten sie mich auf dem Skulpturen- und Lesepfad „Ecce Homo“ über den Kirchplatz bis in den Kirchenraum von St.Paulus.
Seht, der Mensch
Der gewundene und ansteigende Pfad ist sogleich Weg als auch Ort. Ich schreite und verweile. Vier Kreuzwegstationen begleiten mich hinauf zum Kirchplatz. Dieser wird von der Kirche und dem Gemeindehaus links und rechts räumlich gefasst. Der nach Süden offene Platz gibt den Blick frei auf die Schwäbische Alb.
Die Schwelle…der Übergang
Ich öffne die Windfangtüre und betrete einen gläsernen Raum. Dieser bildet den Übergang zwischen Platz und Kirchenraum. Den Raumcharakter dieses „Schwellenraums“ beschreibt der Philosoph Martin Heidegger so:
„Die Grenze ist nicht das, wobei etwas aufhört, sondern (…) die Grenze ist jenes, von woher etwas sein Wesen beginnt.“
Welcher Raumcharakter erwartet mich?
Der sakrale Raum
Als erstes richtet sich mein Blick aus der Dämmerung beim Eintreten zum strahlenden Licht nach oben. Diese Atmosphäre verliert sich nicht wie draußen in der Weite. Sie wird vom Kirchenraum begrenzt, sie umschließt mich.
Im nächsten Augenblick sehe ich über mir ein Himmelszelt – offen, unendlich, metaphysisch. Die Struktur der Holzkonstruktion bringt mich dann doch wieder zurück ins Rationale, in die Welt der organisatorischen Ordnung. Ich erinnere mich auch daran, dass der Raum eine Funktion zu erfüllen hat: die liturgische Ordnung. Am Eingang das Weihwasserbecken, an der nach oben heller werdenden Rückwand des Altars das Kreuz, der erhöhte Altarraum mit Altar und Ambo, noch eine Stufe höher der Tabernakel und das ewige Licht, die Stuhlreihe für Zelebrantinen und Zelebranten, der Taufstein und die Marienstatue, die Orgel auf der seitlich angebrachten Galerie. Der Raumklang der Stille, ein schwacher Duft nach Weihrauch, das Weite, das einströmende Licht über die schlitzartigen bunten Glasmosaiken wird mir in diesem Kirchenraum zur Unendlichkeit. Die Zeit steht still. Ruhe.
Draußen
Durch die „Pforte“ verlasse ich diese sakrale Atmosphäre und trete dem Licht entgegen in die Außenwelt. Mein Blick richtet sich in die Weite und verliert sich darin.
Der architektonische Blick
Es gibt kein eigenes Sinnesorgan für die Wahrnehmung von Raumatmosphären, jedoch sind sie erspürbar. Architektur ist für mich dann wirksam, wenn sie mir hilft, mich durch ihre Ausdruckskraft zu ergreifen. Meine architektonische „Promenade“ lässt mich das Aussen und Innen von St.Paulus in einem neuen Licht erscheinen. Ich hoffe, dass Sie meine Begegnung mit dem Weg und dem Raum von St. Paulus dazu anregt, mehr solche architektonischen Entdeckungen zu machen, Ihre eigenen Antworten zu finden.
Ludwig Cremer
Blick zurück und nach vorn – 50 Jahre St. Paulus: Wie sehen unsere Gemeinden in Zukunft aus? Was müssen wir heute tun, damit auch in 50 Jahren die Botschaft Jesu in unsere Gesellschaft getragen werden kann?
Erst der Kindergarten, dann die Kirche. Im dritten Schritt kamen Gemeindehaus und zuletzt ein Pfarrhaus hinzu. Bei der Entwicklung der Kirchengemeinde St. Paulus in der Tübinger Nordstadt, die in diesem Jahr das 50-jährige Bestehen ihrer Kirche feiert, wurde vieles richtig gemacht. Angesichts der heute fehlenden Krippen- und Kindergartenplätze ist die Prioritätensetzung von damals noch immer hochmodern und aktuell. Indem die Kirche der Gesellschaft etwas gegeben hat, das dringend gebraucht wurde und immer noch wird, gewann sie gesellschaftliche Relevanz. Ist das ein Modell für die Zukunft unserer schwindenden Gemeinden? Oder was müssen wir heute tun, damit die christliche Botschaft auch in 50 Jahren noch Gesellschaft gestalten und positiv prägen kann?
Die Redaktion des HeiligsBlättle möchte das Jubiläum der Paulus-Kirche nicht zum Anlass nehmen, um eine Nabelschau der letzten fünf Jahrzehnte zu betreiben. Das wäre für die Mehrzahl der Leserinnen und Leser wenig interessant. Vielmehr hat die Redaktion das Jubiläum zum Anlass genommen, um nach vorn zu schauen. Wird es angesichts der schwindenden Zahlen von Gottesdienstbesuchern und Gemeindemitgliedern künftig nur noch eine Gemeinde in Tübingen geben? Wo liegen angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen die Aufgaben christlicher Gemeinden? Welche Ansatzpunkte für Seelsorge können auch in Zukunft noch tragen? Um über diese Themen zu sprechen, hat die Redaktion Christiane Bundschuh-Schramm und Eva Kunze eingeladen. Christiane Bundschuh-Schramm ist Pastoralreferentin und arbeitet in der Bistumsverwaltung in Rottenburg als Expertin für Kirchen- und Gemeindeentwicklung. Eva Kunze ist gewählte Vorsitzende des Kirchengemeinderates von St. Paulus und dort immer noch aktiv, obwohl sie schon seit vielen Jahren in Bühl lebt.
„Der Sonntagsgottesdienst ist im Sinkflug und es ist noch nicht klar, was an seine Stelle tritt“, hält Bundschuh-Schramm gleich zu Beginn des Gesprächs fest. Eine weitere Beobachtung von ihr: „Es gelingt uns nicht mehr, Menschen dauerhaft an Kirche zu binden.“ Die Gründe dafür sieht sie in einer Mischung aus gesellschaftlichen Veränderungen und „hausgemachten“ Faktoren wie dem Priestermangel, der fehlenden Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche oder den Missbrauchsskandalen. Das Beispiel der evangelischen Kirchen, in denen es ja Frauen als Pfarrerinnen und Bischöfinnen gibt und die trotzdem ebenfalls unter Mitgliederschwund leiden, zeige allerdings, dass die innerkirchlichen Ungerechtigkeiten nicht allein Ursache des Bedeutungsverlusts seien.
Dem pflichtet Eva Kunze bei. Menschen, die sich engagieren, würden selbstbewusst sagen: „Was interessiert mich Rom? Wir machen Kirche vor Ort.“ Ihr macht eher die Belastung Sorgen, die engagierte Gemeindemitglieder haben. „Viele Ehrenamtliche machen einen Halbtagsjob.“ Auch das schrecke manche ab, sich zu engagieren. „Diejenigen, die immer geholfen haben, sind jetzt 70 plus. Und viele davon können nicht mehr. Und die jüngeren haben mit der Doppelbelastung von Familie und Beruf zu kämpfen.“ Sie selbst sei „20 Jahre zu Hause geblieben“, als ihre vier Kinder groß wurden, und habe dadurch auch Freiräume gehabt, sich in der Gemeinde zu engagieren. Aber das sei heute weder bei der zunehmenden Zahl von Alleinerziehenden möglich, noch bei Familien mit zwei Elternteilen, weil auch dort beide arbeiten möchten oder müssen.
Ist also die klassische Form von Gemeinde und Kirche, in der „man“ den Sonntagsgottesdienst besucht und sich engagiert, weil „man“ dort wohnt, ein Auslaufmodell? Wie muss Gemeinde verändert werden, damit sie wieder attraktiver wird? Bundschuh-Schramm nannte im Gespräch drei zentrale Ansatzpunkte. „Menschen engagieren sich heute für ein bestimmtes Thema und für gezielte Projekte. Und dafür sind sie bereit, sich einzusetzen.“ Und bei bestimmten Themen könne Kirche und Gemeinde nach wie vor punkten, weil sie hier Kompetenz und Erfahrung besitze, die anerkannt werde. Das sei zum einen der soziale und karitative Bereich. Beispiele aus Tübingen sind hier etwa der Arbeitskreis Asyl, in dem sich auch zahlreiche Christen aus ihrem Glauben heraus engagieren. Das werde auch als „Ort von Kirche“ wahrgenommen, so Bundschuh-Schramm. Es sei wichtig, dass sich Kirche und Gemeinde weniger mit sich selbst beschäftige, als „nach außen denke. Wir müssen dahin gehen, wo Leute sind. Wenn die Stadt feiert, dann können wir mit einem spezifischen Angebot zeigen: Wir sind auch noch da!“ Es gehe dabei darum, Menschen zuzuhören, ihnen Begleitung und Beratung anzubieten, Seelsorge. „Mit einer Kirchenbank auf den Markt in Tübingen gehen und als Haltepunkt Hoffnung mit Menschen über Gott und die Welt sprechen.“ Für Bundschuh-Schramm fällt das in die Kategorie „Quartiersseelsorge“, der sie künftig große Bedeutung zumisst.
Zum zweiten werde Gemeinde von vielen Menschen als Servicestelle an Knotenpunkten des Lebens wahrgenommen. „Vor allem familienbezogene biografische Ereignisse lassen Menschen nach Religion und Gemeinde fragen.“ Hier könne Gemeinde „Rituale des Übergangs“ und seelsorgliche Begleitung anbieten. Das gelte für die klassischen Knotenpunkte wie Geburt (Taufe), Heranwachsen (Erstkommunion, Firmung), Familienbildung (Hochzeit), Krankheit und Tod (Krankensalbung, Beerdigung). „Aber es kann auch für bestimmte Zeiten gelten, wie Einschulung, Erntedank oder den Sankt-Martins-Umzug.“
An all diesen Punkten könne Gemeinde „Raum für Engagement“ bieten, Ressourcen zur Verfügung stellen, Entwicklung ermöglich und zulassen. Aus Eltern können dann beispielsweise Kommunionmütter und -väter werden. Und so kann Bindung an Gemeinde neu entstehen oder gepflegt werden.
Zum dritten seien neue Leitungsmodelle von Gemeinde gefragt, die Pfarrer von Verwaltungsaufgaben entlasten, um ihnen mehr Zeit für spirituelle Angebote zu geben, aber auch die Laien entlasten. „In diese Richtung geht auch unser Leitungsmodell, das wir in Tübingen eingeführt haben“, berichtet Eva Kunze. „Viele wissen noch gar nicht, dass wir in jedem Kirchengemeinderat ein Dreierteam haben, das die Gemeinde leitet und nicht nur die Tagesordnung der Kirchengemeinderatssitzung festgelegt, sondern beispielsweise auch Personalentscheidungen fällt.“ Auch bei den anderen beiden Punkten ist St. Paulus bereits aktiv. Stichwort „Ressourcen anbieten“: „Ich möchte das Gemeindehaus so aufstellen, dass es alleine ohne ständige Erklärung funktioniert“, so Kunze. „Jeder soll dort feiern können.“ Stichwort „von außen denken“: „Wir machen zusammen mit dem Kinderhaus gezielte Angebote wie ein Second-Hand-Verkauf von Kindersachen. Und im Sommer verbinden wir unser Kirchenjubiläum mit einem Kinderfest.“
Hilfe für Dalit-Kinder
Die Kirchengemeinde St. Paulus hat in ihrer rund 50-jährigen Geschichte immer wieder soziale Entwicklungsprojekte in Ländern des globalen Südens unterstützt. Seit zehn Jahren ist es das Projekt CHANCE, das von Pfarrer Ramesh ins Leben gerufen wurde. In dieser Zeit erhielt CHANCE insgesamt rund 115.500 Euro. Davon kamen 47.000 Euro aus Spenden an die Sternsinger, die in Paulus für das Gemeindeprojekt verwendet werden. „Wir investieren das Geld in Schulbildung für Dalit-Kinder“, sagt Ramesh. „Dalits bilden die unterste indische Kaste. Sie werden immer noch sozial ausgegrenzt, zumal wenn sie Christen sind. Sie sind meistens arm, oft Analphabeten, haben keine Entwicklungschancen. Ein Teufelskreis!“ Für sie hat Ramesh neben seiner Heimatkirche im südindischen Thumbur ein Lern- und Nachhilfezentrum für Grundschulkinder errichtet. Zwei Lehrkräfte werden durch das Projekt bezahlt. 30 weitere Kinder, die auf eine weiterführende Schule gehen, erhalten pro Schuljahr 270 Euro, damit sie entweder die Kosten für das Schulinternat zahlen können oder den Bus, der sie in einer Stunde Fahrt hin oder zurückbringt. Alle Kinder erhalten außerdem Schulkleidung und Medikamente, wenn sie krank sind.
Spendenkonto bei der Katholischen
Gesamtkirchenpflege Tübingen:
IBAN: DE06 6415 0020 0000 0167 19;
Verwendungszweck: St. Paulus
Projekt Thumbur.