Der Herbst ist da, die Felder sind abgeerntet und am Sonntag, den 6. Oktober feieren wir Erntedank. In unserer HeiligsBlättle-Reihe, die 2023 mit dem Thema »Brot« begann und im letzten Jahr mit »Wein« fortgesetzt wurde, steht dieses Jahr unter dem Thema »Erde«. Hierzu hat Rainer Steib, Patrick Butterweck, Landwirt auf WHO und Charlotte Cremer, ehemalige Ministrantin in St. Paulus, studierte 
Theologin, Baumwartin und Angestellte in einem Selbstverpackungsladen in Berlin, für diese Ausgabe interviewt.

Was ist Ihre Motivation für die Landwirtschaft?

Patrick Butterweck (P.W.): Also neben der sinnstiftenden Tätigkeit des aktiven Tuns mit der Erde und in der Natur spielt für mich in der Landwirtschaft auch dieser familiäre Charakter noch eine Rolle. Landwirtschaft ist jetzt nicht dafür bekannt, dass es eine ausgeglichene Work Life Balance gibt, aber das ist einer der wenigen Bereiche, wo es möglich ist, dass Arbeit und Familie einfach miteinander verschmelzen. Hier haben ich als Vater die Möglichkeit, dass meine Kinder aktiv sehen, was ich mache und auch selbst mitmachen können.

Charlotte Cremer (C.C.): Die entscheidenden Herausforderungen unserer Zeit auf dem Weg zum Reich Gottes sind für mich die aktuellen ökologischen Krisen: Die Klimakrise, der Biodiversitätsverlust und die Müllproblematik. Durch diese Krisen werden sich alle Formen von Ungerechtigkeit auf dieser Welt verstärken. Und die Landwirtschaft ist für mich eine wichtige Schlüsselstelle bei der Bekämpfung dieser ökologischen Krisen. In der kirchlichen Umweltarbeit stehen momentan eher die Themen Energie, Gebäudesanierung, Heizung, aus erneuerbaren Energien erzeugter Strom im Vordergrund. Aber auch Landwirtschaft können wir so gestalten, dass, etwa durch synthetischen Dünger, CO2, das als Erdöl wunderbar unter der Erde gelagert war, in die Atmosphäre gebracht wird und den Klimawandel verstärkt, oder so, dass Pflanzen CO2 aus der Luft zu fruchtbarem, kohlenstoffreichem Boden umwandeln. Wir können in der Landwirtschaft Pflanzen- und Tiergifte ausbringen und so zum Biodiversitätsverlust beitragen oder abwechslungsreiche Strukturen schaffen, die Artenvielfalt fördern.

Hat die Natur auch etwas mystisches oder religiöses für Sie?

C.C.: Die Natur ist für mich Teil der Schöpfung Gottes, die in Gottes Sinne zu verwalten uns Menschen aufgetragen ist, Insofern ist unser 
Umgang mit ihr natürlich ein Punkt, an dem wir unserem Glauben Ausdruck verleihen können. Aber der Ort, an dem ich diesen Glauben erfahre, ist für mich unsere Liturgie., und das ist auch der Ort, wo ich mich dann wieder »einnorden» lasse, wo ich mich wieder darauf ausrichte, warum ich das mache, was ich im Alltag so mache, und mir auch die Kraft hole und den Zuspruch Gottes für diese Arbeit. Für mich ist dann der Dienst an der Schöpfung eher etwas, das aus der Gottesbeziehung erwächst.

P.B: Jetzt im Sommer, als wir Heu gemacht haben, bin ich den den ganzen Tag im Schönbuch mit dem Trecker gefahren und durfte Heu schütteln, dass es trocknet. Ich habe jede Fläche zu einer anderen Tageszeit erlebt. Oberhalb von einem Weiher war eine Wiese, die Sonne ging unter, das Licht war schön, die Bäume waren um mich herum, man hörte fast nichts. Das sind dann so Momente, wo man auch die Anstrengung vergisst, die einem dann einfach so ein schönes Gefühl geben – dafür ist es wert, dass man es macht. Ich bin nicht im klassischen Sinne religiös. Ich bin eher spirituell angehaucht, und klar, das hat schon etwas Beruhigendes oder ist auch ein Element, wo man zu sich kommen kann und nachdenken und auch einen Halt finden kann. Da sind auf der einen Seite diese Momente der Glückseligkeit, auf der anderen Seite steht halt die harte körperliche Arbeit.

Wie sehen Sie den Stellenwert von Tieren?

P.B.: Man arbeitet mit Lebewesen. Als Außenstehender kommt man in so einen Kuhstall und sieht halt Kühe. Aber es sind Lebewesen, sie sind alle eigene Charaktere, also ohne das jetzt zu vermenschlichen. Es gibt, die neugierige Kuh, die ängstlich Kuh, es gibt, die »lass mich in Ruhe«-Kuh, die dir mit dem Kopf einen mitgibt und sagt: Geh weg, ich habe keine Lust auf dich. Ich habe meinen Bachelor in Hohenheim gemacht, wo man dann klassische Module wie Tierproduktion hat, und der Name sagt es schon: Da ist das Tier eine Wirtschaftlichkeit und ein Produktionsfaktor. Aber wenn man mit denen zusammenarbeitet, merkt man: Es ist halt beides, es ist ein Lebewesen, mit dem man arbeitet, wo aber auch ein gewisses Ende absehbar ist, oder auch eine gewisse 
Leistung erwartet wird.

C.C.: Also theologisch würde ich sagen, dass Tiere als unsere Mitgeschöpfe ordentlich behandelt gehören und dass es da sehr klare biblische Regeln gibt, die aber im Zuge der Ausdifferenzierung zwischen Christentum und rabinischem Judentum auf der christlichen Seite leider sehr zurückgedrängt wurden. Wenn in der Bibel steht, wir dürfen das Blut der Tiere nicht trinken, weil es Gott gehört, und man das in den kulturellen Kontext der Bibel stellt, wo Blut für das Leben steht, dann heißt das übersetzt in unsere Kultur, dass dieses Leben letztlich Gott gehört. Die Bibel erlaubt also, Tiere zu halten und auch zu schlachten, aber nicht, ihr Leben restlos auszubeuten, sprich wir müssen auch unseren Nutztieren ein schönes Leben ermöglichen. Tierliche Produkte aus Massentierhaltung zu kaufen oder zu konsumieren ist für mich mit meinem Glauben nicht vereinbar.

Welches Zueinander haben der Boden oder der Acker und die Lebewesen für Sie? Muss Landwirtschaft ökologisch sein?

P.B.: Es ist ein Kreislauf. Es ist eigentlich ein geschlossenes System für mich, deswegen bin ich auch im Biobereich tätig. Der Boden, was drauf wächst, wie das Kleegras, das füttert dann die Tiere. Wobei das Kleegras natürlich auch gleichzeitig, die Bodenlebewesen füttert, und der Boden kann gesund bleiben. Und gleichzeitig das Tier, was den Dung gibt. Das wird bei uns als Wirtschaftsdünger, als Gülle oder Mist wieder aufs Feld gebracht, als natürliche Düngung. Und das ist im Biobereich ja dieser Kreislaufgedanke, dieses schon erwähnte, geschlossene System. Und es ist die Aufgabe des Bauern oder des Landwirts, dieses Gleichgewicht herzustellen, dass ein Boden ertragreich ist, aber auch gesund bleibt und nicht ausgebeutet wird.

C.C.: Geht es jetzt um die Frage, ob wir meiner Meinung nach in der Kirche auf »besiegeltes Bio« beim Einkauf achten müssen? Wenn das die Frage ist, würde ich sagen ja, denn es ist ein Bekenntnis zu umweltfreundlicher Landwirtschaft. Natürlich kann jeder auch ökologisch sein, ohne dass es von außen jemand bestätigt, aber in dem Moment, in dem wir es verkaufen. und mit anderen in Kontakt treten oder es einkaufen, finde ich es hilfreich, durch ein Siegelzum Ausdruck zu bringen, dass ein respektvoller Umgang mit der Schöpfung wichtig ist.

Man hatte gerade im Zusammenhang mit den Bauern Protesten sehr dramatische Eindrücke, weil es auch sehr dramatische Auftritte gab. Hat bäuerliche Landwirtschaft nach Ihrer Einschätzung noch eine Zukunft?

C. C.: Ich denke, dass wir momentan, vorsichtig ausgedrückt, suboptimale politische Rahmenbedingungen für eine bäuerliche Landwirtschaft haben, weil unsere derzeitige Landwirtschaftspolitik darauf ausgerichtet ist, dass man eigentlich immer wachsen muss oder aufgeben. Eigentlich muss jeder auf das Land vom Nachbarn schielen, um sich irgendwie vergrößern zu können. Je mehr Fläche ein einzelner Betrieb hat, desto mehr Geld bekommt er schließlich schon mal einfach so als Subvention. Eigentlich wäre es aber viel schöner, wenn Nachbarn miteinander kooperieren könnten. Aber genau dafür bräuchten wir andere rechtliche Regelungen. Deswegen arbeite ich auch für die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft: Die setzt sich genau für eine Politik ein, in der Bäuerinnen und Bauern gut so ihren Hof bewirtschaften können, dass sie das auch noch an ihre Kinder und Enkelkinder weitergeben können. Insofern wünsche ich mir sehr, dass bäuerliche Landwirtschaft eine Zukunft hat, Und gerade für eine Christin ist zuversichtliches Hoffen ja sehr wichtig, also wollen wir die Hoffnung mal nicht aufgeben.

P.B.: Ich finde es ganz schade, welches Thema 
als Aufhänger benutzt wurde. Dass es anscheinend um Agrardiesel, um Steuererleichterung, um Subventionen ging, wo die Bauern Angst haben, dass es ihnen jetzt weggenommen wird. Im Kern geht es eigentlich um diese Bürokratisierung der Landwirtschaft, was einfach teilweise die Arbeit des Landwirts so erschwert, und was teilweise so praxisfern ist. Es ist total schwierig, vor allem für kleine Betriebe, das umzusetzen. Das treibt dann kleinere Betriebe, an den Rand der Existenz, und das ist die Gefahr, dass diese kleinstrukturierte bäuerliche Landwirtschaft verloren geht.

Was ist Ihr Highlight, in welchem Bereich Ihrer Arbeit haben Sie am meisten Freude?

P.B.: Es ist nicht nur das eine Ding. Aber 
morgens mit den Kühen den Tag beginnen, das merke ich, wenn ich länger nicht gemolken habe, das mir das fehlt. Immer wieder so bei den Tieren zu sein, und auch zu merken wie sie auf die jeweilige Stimmung von einem selber reagieren. Mhm, so fängt der Tag gut an. Das ist schon ein Highlight. Auch wenn so ein Erntetag ansteht, wo man weiß, heute kann es, zehn oder 14 Stunden gehen, das kann Spaß machen. Man hat diese, da kann ich poetisch werden, diese goldene Ähre, die sich im Wind bewegt, die erntet man ab und fährt die Ernte ein und am Abend ist es alles erledigt. Da ist man stolz auf das, was man an so einem Tag gewuppt hat. Da kann ein ganzer Tag das Highlight sein.

C.C: Mhm, ich glaube, es ist letztlich die Mischung. Ich schneide sehr gerne Bäume und ich bin auch wahnsinnig gerne im Laden und erzähle meiner Kundschaft, was das Besondere an unserem regionalen Bier ist. Ich schaue mir gerne an, wo die Kichererbsen wachsen, die ich im Laden verkaufe und wo die Walnüsse geknackt werden. Und ich erzähle gerne in meiner Kirchengemeinde, warum mir das wichtig ist. Ich setze mich aber auch gerne für bessere Landwirtschaftspolitik ein, und ich freue mich schon sehr darauf, an Erntedank demnächst wieder mal liturgisch zum Einsatz zu kommen und für meine Gemeinde nach der Ernte des Quittenbaumes in unserem Pfarrgarten die Erntedankfeier zu leiten. Ich würde kein Feld einfach missen wollen, das gehört für mich alles zusammen.

Stichwort: Erntedank – hat Dankbarkeit eine Bedeutung?

P.B.: Also bei mir schon, oder auch bei uns in der Familie. Das sind genau diese Momente, wo es ruhiger wird, auch um diese Ehrfurcht und sich dessen wieder gewahr zu werden, was das ist. Dass es nicht selbstverständlich ist, dass die Tische so reich gedeckt sind, sondern es ist halt wichtig sich den Stellenwert als Mensch in der Natur klar zu machen. Diese Ehrfurcht wirklich zu haben, dass das größer ist als wir, aber halt auch zu wissen, welche Arbeit dahinter steckt, also wer hat dafür die Erde beackert. Und ja das muss man sich wieder klarmachen, wieviel Arbeit dahinter steht. Ehrfurcht und Dankbarkeit, dass es da ist, das ist bei mir auf jeden Fall vorhanden.

C.C.: Für mich ist das ein ein sehr wichtiges Fest, um sich bewusst zu machen, dass unsere Lebensgrundlagen ein Geschenk Gottes sind. Und unsere Lebensmittel Ergebnis darauf aufbauender menschlicher Arbeit. Nicht nur auf dem Land, sondern gerade auch in der Stadt, wo das Fest häufig marginalisiert oder ganz übergangen wird. Diese Chance, Stadt und Landwirtschaft einander näher zu bringen, sollten wir uns nicht entgehen lassen. Denn nur, wenn uns der Wert von Lebensmitteln auch emotional bewusst ist, sind wir auch bereit, einen angemessenen Preis dafür zu bezahlen und uns für eine gute Landwirtschaftspolitik einzusetzen, die Menschen, Tiere und Pflanzen ein gutes, wertschätzendes Miteinander ermöglicht.