Aus den Schulgottesdiensten am St. Meinrad Gymnasium Rottenburg, an denen die Jugendkirche in Person ihres Leiters Markus Neff mitwirkt: Ein ehemaliger Schüler: „Was geht bei Euch ab, so was hab ich ja noch nie erlebt! 700 Schülerinnen und Schüler hören und schauen aufmerksam bei einem Gottesdienst zu! Ein neuer Mitarbeiter: „Gottesdienst ist gar nicht mein Ding, aber diese Feier hat mir so was von gefallen und eine Message rübergebracht, so dass ich voll erstaunt war. Der Gottesdienst war ganz anders, als ich mir bisher einen kath. Gottesdienst vorgestellt hatte.“

10 Jahre Jugendkirche

„Weiter sehen als wir sind“ – mit diesem Motto fand 2011 in Tübingen ein Tag der Katholischen Kirche statt. Ein Tag, der nach vorne schauen wollte, mit Zuversicht und Hoffnung und bewusst auch das (noch) Ungewisse in den Blick nahm. Von einem Standpunkt aus, der auch schon damals nicht als in Stein gemeißelte Gewissheit gelten sollte. In einem Workshop für Jugendliche stand an diesem Tag das Phänomen der Jugendkirchen und Ideen für eine konkrete Umsetzung einer solchen in Tübingen auf dem Plan. Denn seit den 2000er Jahren entstanden in mehreren Diözesen Deutschlands solche Jugendkirchen (u.a. TABGHA 2000 in Essen, EFFATA[!] 2002 in Münster, JONAH 20005 in Frankfurt und JOEL in Ravensburg) unter ganz unterschiedlichen Bedingungen als Explorationsräume für die Spiritualität und Glaubenskommunikation von und mit Jugendlichen. „Das Schlüsselwort in diesem Zusammenhang heißt Partizipation, das ist Teilgabe und Teilnahme. Jeder Christ ist durch Taufe und Firmung dazu berufen, Kirche zu sein und Kirche mit aufzubauen“, formulierte die Rottenburger Diözesansynode dazu bereits vor 40 Jahren. Dafür brauchen Jugendliche, so die damalige Synode, nicht nur einen Ort und Räume in der Kirche, sondern auch und vor allem ein personales Angebot, Menschen, die mit Ihnen Leben deuten und Wegbegleiter sind.

„Die Jugendkirche bedeutet für mich eine schöne gemeinsame Zeit mit anderen jungen Menschen, wovon z.B. das Kupa besonders schön war und vor allem die alljährlichen Fahrten nach Taizé, die jedes Mal aufs Neue eine wunderschöne, verbindende Zeit sind.“Theo

Für beides, Räume und personales Angebot schienen 2011 und den folgenden Jahren die Voraussetzungen in Tübingen gut. Jugendliche waren dafür engagiert und nach intensiven Beratungen in den (Gesamt-)Kirchengemeinderäten fiel 2013 die Entscheidung, dass bei der anstehenden Innensanierung der St. Petrus Kirche „auch die Erfordernisse einer Jugendkirche berücksichtigt werden“ und St. Petrus so zur Gemeinde- und Jugendkirche umgebaut werden soll. Anfängliche Bedenken, dass dies zu Interessenskonflikten in der Kirchenraumgestaltung zwischen Alt und Jung führen könnten, zerstreuten sich bald. Jugendliche wollten keinen beliebigen Raum vorfinden, sondern einen Kirchenraum, der zu Entwicklung und Gestaltung einlädt, dazu, neue Erfahrungen mit Liturgie und anderen spirituellen Angeboten zu machen. Ein Anliegen, das sich mit den Bedürfnissen der Gemeinde deckte.

„Jugendkirche bedeutet für mich, dass man generationsübergreifend eine gute Zeit miteinander hat und viel zusammen lacht und erlebt.“A.

Bedingt durch die städtische Randlage war von Beginn an klar, dass es sich nicht um eine klassische „komm her“ – Jugendkirche wird handeln können, in der Jugendliche „en passant“ rein schauen, sondern das Konzept einer „teilmobilen“ Jugendkirche passender ist. Einer Kirche die „hin geht“ in die Lebensräume Jugendlicher, aber auch über einen einladenden Kirchenraum verfügt, der nach wie vor Jugendliche und Erwachsene in seiner offenen, hellen, aber eben nicht beliebigen Gestaltung positiv überrascht und sich der größten Herausforderung von „Kirche heute stellt, ihrer Exkulturation, also ihrer ‚wachsenden Distanz zu den kulturellen, ästhetischen und sozialen Erfahrungsräumen sowie Ausdrucksformen der [jungen] Menschen von heute‘“ wie es die Ende 2013 veröffentlichte Konzeption der Diözese Rottenburg-Stuttgart für jugendspirituelle Zentren mit Blick auf die Zukunft von Kirche betont. Dem versucht seither auch das Angebot der Jugendkirche zu entsprechen, wovon ein Ausschnitt auf den nächsten Seiten zu sehen ist.

„Schon von Anfang an hat uns die Jugendkirche bei Aktionen unterstützt. Egal ob Klimastreik, Klimacamp oder Demo gegen Rechts, all das wäre anders kaum möglich gewesen. Wir bedanken uns ganz herzlich für die gute Zusammenarbeit und insbesondere bei Markus, der immer für uns da ist, und freuen uns auf viele weitere gemeinsame Aktionen.“Antonia, Fridays for Future, Tübingen

Freiraum dafür wurde dann bereits 2015 in St. Petrus geschaffen, indem in einer gemeinsamen Aktion mit Jugendlichen die ersten Bankreihen herausgenommen wurden, ein Teppich auf den schwarzen Fliesenboden kam und in diesem provisorischen Raum am Christkönigssonntag mit dem damaligen Diözesanjugendseelsorger die Jugendkirche Tübingen eröffnete. Seither wurde viel ausprobiert, manches fand für kurze Zeit Resonanz wie die Songandachten, anderes wurde fester Bestandteil wie die Taizéfahrten und -gebete, die die Spiritualität der Jugendkirche stark prägten. Highlights wie ein Jugendaustausch mit isländischen Jugendlichen aus dem ein prämierter Kurzfilmbeitrag bei den Baden-Württembergischen  Filmtagen hervor ging, aber auch die Begleitung von Freizeiten, die ökumenische Zusammenarbeit mit dem CVJM Tübingen (vor allem während den herausfordernden Coronajahren) und nicht zuletzt ein individuelles seelsorgerliches Angebot steht für die Weite von glaubenskommunikativen Räumen, die nicht an Kirchenmauern halt macht, aber ein gutes Zuhause im Raum von St. Petrus hat. Dabei versteht sich die Jugendkirche nicht als Konkurrenz, sondern Ergänzung und Unterstützung kirchliche Jugendarbeit anderswo (z.B. gemeindlich, verbandlich). Das zeigt sich auch daran, dass die Jugendkirchen in der Diözese so gut wie überall in die katholischen Dekanatsjugendreferate integriert wurden, was aber auch bedeutet, dass keine großen zusätzlichen personellen Ressourcen dafür zur Verfügung stehen, sondern sie jeweils einen Schwerpunkt der Jugendpastoral bilden. Wie das auch in Zukunft noch der Fall sein wird und in welchen räumlichen wie personellen Strukturen Jugendpastoral unterwegs ist, wird im laufenden diözesanen Entwicklungsprozess „Kirche der Zukunft“ eine spannende Aufgabe sein, in dem die Jugendkirchen mit ihrem lebensräumlichen und explorativem Ansatz Impulsgeber sein können.

„Die Jugendkirche bedeutet für mich Taizéfahrten aber auch das Zusammen sein und der Austausch mit ganz, ganz wunderbaren Menschen. Sie ist aber auch ein Ort der Ruhe für mich, an dem man wieder Kraft tanken oder runterkommen kann, wenn nötig.“ Mona

Markus Neff, Dekanatsjugendseelsorger und Leiter der Jugendkirche Tübingen

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„Ich verbinde mit der Jugendkirche.... die KjG und die unzähligen Gruppenstunden, die ich besucht habe und soo viel Spaß hatte... Taizé und die Fahrten, die wir gemeinsam gemacht haben.“ Caro

Glaubenskommunikative Räume öffnen.

Eine wichtige jugendpastorale AufgabeIm und über den Glauben zu kommunizieren, das gehört grundlegend zum christlichen Glauben und doch ist es für viele (junge) Menschen nichts, was sie alltäglich machen. Zwar bezeichnen sich über 41% der jungen Menschen in Baden-Württemberg als gläubig, aber von diesem Glauben erzählen sie nicht einfach so.  Glaube ist vielmehr etwas sehr Persönliches, für viele junge Menschen geradezu etwas Intimes. Das ist nicht verwunderlich, kann Glaube doch mit der Tübingen Fundamentaltheologin Saskia Wendel als Daseinsgestaltung verstanden werden. Sie spricht von Glauben als „Haltungen und Handlungsvollzüge“, die darauf zielen, „die Existenz zu deuten, ihr einen Sinn zu verleihen und das Leben gelingend führen zu können.“ Glaube kann als eine Lebenserzählung verstanden werden, die dem eigenen Leben zu Grunde liegt und aus der man das eigene Dasein zu deuten und zu gestalten versucht.

Glaube als eine solche existentielle Narration folgt dabei nicht einfach einem vorgegebenen konfessionellen Bekenntnis, sondern individualisiert, privatisiert und deinstitutionalisiert sich. Die Oberministrantin Sarah (21 Jahre, Ausbildung zur Erzieherin) erzählt mir im Interview, dass sie nicht an die Auferstehung glaubt und fordert, zu respektieren, dass sie im großen Glauben der katholischen Kirche ihren eigenen kleinen Glauben hat. Es wird deutlich: Glaubenskommunikation kann heute weder Monolog noch bloße Vermittlung sein. Glaubenskommunikation heißt vielmehr, die Geschichte zwischen Mensch und Gott bzw. einem Unbedingten in einem gemeinsamen Such- und Kommunikationsprozess immer wieder neu zu entdecken, damit Leben gelingen kann. Glaubenskommunikation ist damit keine Methode zur sicheren Erlangung, Weitergabe und Bewahrung des Glaubens, sondern ein riskantes exploratives Unterfangen. Dazu gehört eine bottom-up-Struktur: Glaubenskommunikation hat ihren Ausgang in den Lebens- und Glaubenserfahrungen der einzelnen Menschen. Jugendliche und junge Erwachsene brauchen Räume, in denen sie von ihrem Leben und Glauben erzählen können und nicht nur konfessionell christlichen Glauben erzählt bekommen.

Entscheidend dafür, dass junge Menschen von ihrem Leben und Glauben erzählen, sind ein Interesse an ihrer Lebenswelt und ihrem Glauben, die bedingungslose Akzeptanz ihrer Person, ihres Glaubens und Lebens sowie die Bereitschaft, sich selbst zu öffnen und von der eigenen Gottesbeziehung ehrlich zu erzählen. Wenn sich junge Menschen auf ein Gespräch über den Glauben einlassen, dann geht es nicht um ein Interesse an vorgefertigten kirchlichen Glaubenssätzen, sondern um die ganz persönliche Frage: Woran glaubst du? Entscheidend für die Möglichkeit gelingender Glaubenskommunikation ist zudem, dass sich die Gesprächspartner:innen auf Augenhöhe begegnen, einander vertrauen können und die Beziehung davon geprägt ist, dass man dem Gegenüber Gutes will.

Jugendpastoral, die diese glaubenskommunikativen Haltungen ernst nimmt, kann Räume öffnen, in denen aus der Beziehung zu Gott bzw. einem Unbedingten Leben gestaltet werden kann. Egal ob auf der gemeinsamen Taizéfahrt, auf einem Freizeit- oder Firmwochenende, bei der gemeinsamen Stocherkahnfahrt oder einem Jugendgottesdienst geht es darum, jungen Menschen einen Raum zu geben, in dem sie für ihr Leben gestärkt werden, in dem sie ihre persönliche Lebenserzählung, ihren Glauben, entdecken und weiterschreiben dürfen. Glauben ist nämlich nichts, was in einem „Sonderbereich“ stattfindet, sondern ist ein Teil des Lebens. Dort, wo junge Menschen leben, dort glauben sie. Jugendpastoral und Jugendkirche wollen sich daher in das Leben der jungen Menschen einbringen – nicht als Kirche mit vorgefertigten Glaubenssätzen, sondern als eine Kirche, die Gottes Verheißung eines guten Lebens ein Gesicht gibt.

Jakob Zimmer, Pastoralreferent und Dekanatsjugendseelsorger (Reutlingen-Zwiefalten) promovierte über das Thema „Glaubenskommunikation“.

„Ob Ökumenischer Schüler-treff, Prüfungssegen, TrueStory oder gemeinsame Outdoor-Andachten während der Corona-Zeit: Die Kooperationen zwischen der Evangelischen Jugendarbeit und der Jugendkirche sind vielfältig und wertvoll. Das Miteinander ist partnerschaftlich und bereichernd. Und mit dem Brückenbauer Markus Neff wurde die Zusammenarbeit in den letzten Jahren immer intensiver. Ich freue mich an dem guten Miteinander in der Jugendarbeit über Konfessionen hinweg.“ Angela Schwarz, Jugendreferentin CVJM Tübingen