
Was ist ein Sakrament? Ein Sakrament ist ein sichtbares Zeichen, das die liebevolle und freimachende Zuwendung Gottes zu den Menschen anschaulich und im besten Falle erfahrbar macht. Die Kirche als Ganze ist sakramental, d.h. sie ist dazu da, das Evangelium von der unbedingten Zuwendung und Liebe Gottes so zu verkünden, dass diese Liebe erfahrbar wird, dass die Menschen davon etwas „merken“. Deshalb beschreibt das Zweite Vatikanische Konzil die Kirche als „Zeichen und Werkzeug“ der Gemeinschaft mit Gott und der Menschen untereinander. Konkret lebt die Kirche diese Identität als Zeichen und Werkzeug auf vielfältige Weise, z.B. in der Caritas, besonders feierlich jedoch in der Feier der einzelnen Sakramente.
In der Feier der Sakramente kann sich eine Begegnung zwischen Gott und Menschen ereignen, wobei es Gott ist, der die Initiative ergreift (deswegen muss die Kirche aufpassen, dass sie in einer Wenn-Dann-Logik den Weg zu den Sakramenten nicht nur dann freigibt, wenn vorher bestimmte Bedingungen erfüllt sind). Begegnung mit Gott ist natürlich nicht an das Sakrament gebunden, sie kann immer und überall stattfinden, denn Gott ist immer und überall nahe. Aber diese Nähe wird viel zu selten „ergriffen“, in der Feier des Sakramentes wird ihre Möglichkeit ausdrücklich gesetzt und real; mit den Sakramenten als „Lebenszeichen“ bringt die Kirche den Glauben an den gegenwärtigen Gott sozusagen auf den Punkt.
Die Gestaltung der Sakramente orientiert sich an Jesus Christus, der selbst ganz als „Zeichen und Werkzeug“ gelebt hat, also nicht für sich, sondern für die Menschen.
Besonders augenfällig wird dieser Bezug in Taufe und Eucharistie/Abendmahl. In der Taufe wird dem Täufling die Liebe Gottes bedingungslos zugesagt, ohne Verdienst, ein für alle Mal. Nie wird Gott seine Liebes-Zusage zurücknehmen, deswegen wird die Taufe auch nur einmal im Leben gespendet. Eucharistie/Abendmahl erinnern an das letzte Abendmahl und an den Tod Jesu, den er als Konsequenz seiner Botschaft von der Liebe Gottes auf sich genommen hat. In der Feier werden die Gläubigen über die Zeiten hinweg in dieses Geschehen mit „hineingezogen“, denn auch sie sollen das Leben Jesu aus der Liebe Gottes für die Menschen teilen.
Die übrigen Sakramente beziehen die Zusage der Nähe Gottes auf hervorgehobene Momente im Leben (Firmung, obwohl die traditionell zur Taufe gehört; Ehe, Weihe) oder in existentiell besonders intensiven Situationen des Lebens (Krankensalbung, Buße). Die Siebenzahl hat sich dabei historisch entwickelt; sie ist nicht willkürlich, aber auch nicht zwingend.
Insgesamt kann man sagen, dass der christliche Glaube „sakramental“ ist, weil er ernst nimmt, dass Gott in den Wirklichkeiten der Welt anwesend ist und wirkt. Deswegen gehört zu jedem Sakrament etwas „Handfestes“ (Brot und Wein, Wasser, Salböl, Handauflegung), das die Wirklichkeit der Welt symbolisiert, und ein Wort, das diese irdische Wirklichkeit auf ihren göttlichen Bezug hin interpretiert. Gott ist für den Menschen nicht anders da als in der Wirklichkeit der Welt, er trifft auf den Menschen nicht an der Welt vorbei.
Soweit die Theorie. In der Praxis fällt es vielen Menschen, auch Christen, zunehmend schwer, die sakramentale Dimension des Glaubens zu realisieren. Menschen wachsen nur noch selten in die „symbolische Welt“ des Glaubens hinein. Wenn überhaupt, entscheiden sie sich bewusst und sehr individuell für den Glauben, die kirchliche Autorität über den Glauben ist dabei sehr nachrangig. Die Herausforderung besteht nun darin, eine Symbolsprache für die Sakramente zu finden, zu der Menschen unmittelbar und ohne weitläufige Erklärungen einen Zugang finden. Denn die Entfremdung von der Kirche betrifft ja nicht nur die Bedeutung der Handlungen, schon die traditionellen Zeichen, ihre Symbolik und ihre Worte sind vielen fremd und unverständlich. Für „göttliche Liebe und gnadenhafte Zuwendung“ würden heute sicher andere Zeichen gefunden als die klassischen Sakramente.
Und doch: Gottesbegegnung hat immer auch etwas Sperriges, das quer steht zu einem Leben, „wie wir es gerne hätten“. Begegnung mit Gott ist herausfordernd, von Gott angesprochen zu sein kann das eigene Leben zutiefst erschüttern, und auch dafür muss die Feier Raum bieten. Sakramente behalten immer auch etwas Geheimnisvolles.
Prof. Dr. Thomas Fliethmann
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Vielleicht tauchen Sie auch, wenn Sie in eine Kirche kommen, Ihre Fingerspitzen ins Weihwasser und bekreuzigen sich. Dabei erinnern wir uns – meist nicht bewusst – an unsere eigene Taufe und verbinden uns gerade auch vor einem Gottesdienst mit allen anderen Getauften.
Wer sich oder ein Kind taufen lässt, bleibt mit seinem Glauben nicht allein, vielleicht ist es auch die Sehnsucht nach Glauben und dass wir vom Leben mehr erwarten, als das Alltägliche, immer wieder Belastende. Wir suchen Halt und Orientierung und reihen uns damit in die Reihe der vielen Menschen ein, die voll Erwartung zu Johannes dem Täufer an den Jordan gekommen sind. Auch Jesus war unter ihnen.
Wie können wir uns vorstellen, was da am Jordan geschah? Johannes, der Sohn des Zacharias, hat sich durch sein prophetisches Auftreten einen Namen gemacht. Er scheint die Stimme aus der Wüste zu sein, von der Jesaja gesprochen hat: „Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden. Und alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt. (Lk 3)“
In Scharen zieht das Volk zu ihm hinaus – alle gemeinsam, auch die Zöllner und die Soldaten. „Was sollen wir tun?“, fragen sie Johannes – und in seiner Antwort klingen die einen Neuanfang nahelegenden Gedanken der Bergpredigt an: „Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso.“ Zu den Zöllnern sagt er: „Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist.“ Und zu den Soldaten: „Misshandelt niemand, erpresst niemand, begnügt euch mit eurem Sold!“
Dann taufte er die Menschen, die zu ihm ins Wasser stiegen, d.h. er tauchte sie unter. Damit das möglich ist, musste der Täufling sich ihm ganz anvertrauen. Seine eigenen Spannungen loslassen und kurz die Luft anhalten. Dazu gehört Mut und Demut.
Und im Auftauchen scheint ein Neuanfang möglich – für alle, ganz gleich, woher jemand kommt und wie jemand lebt. Auch Jesus steht hier am Jordan mit allen anderen in der Reihe derer, die sich taufen lassen wollen. Auch Jesus wird sich, nunmehr um die 30 Jahre alt, von Johannes taufen lassen, untertauchen und einen Neuanfang machen.
Jetzt ist seine Zeit gekommen, sein Kairos. Aber der entscheidende Moment geht über die Taufe hinaus. Lukas sagt: Zusammen mit dem ganzen Volk ließ auch Jesus sich taufen. „Und während er betete, öffnete sich der Himmel, und der Heilige Geist kam sichtbar in Gestalt einer Taube auf ihn herab, und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.“
Der Theologe Willibald Sandler beschreibt die mystische Dimension dieses existentiellen Geschehens so: „Sich von Gott ins tiefe Wasser führen zu lassen, das setzt Mut voraus und zugleich Demut. Denn man macht keine gute Figur, wenn die Füße den Halt verlieren und man ungewollt Wasser schluckt. Nicht an uns liegt es, eigenmächtig Grenzen zu überschreiten, sondern Gott führt uns über Grenzen hinaus, – wann Er will, wenn wir uns führen lassen. Jenseits deiner Grenzen kannst du nämlich gar nichts selber tun. Für jeden deiner Schritte bist du auf Gedeih und Verderb abhängig von Ihm. So lernen wir jenseits unserer Grenzen vor allem eines: Dass wir nichts, absolut nichts ohne Gottes Kraft ausrichten können. ‚Komm Jesus, ich brauche dich. Denn ohne dich kann ich nichts tun!‘ – Das ist das Gebet jener, die den Boden unter den Füßen verloren haben, weil sie sich von Gott in die Tiefe führen ließen. Dort wo eigene Ohnmacht und gottgegebene Vollmacht einander die Hand geben. Das ist der Ort, wo der Heilige Geist führt und seine Charismen wirken.“
Den Mächtigen der Welt scheint dieses Bewusstsein zu fehlen. Sie versuchen mit allen Mitteln die eigenen Grenzen – auch ganz äußerlich verstanden – zu überschreiten und wollen selbst bestimmen, wie die Welt sich jenseits ihrer Grenzen gestalten soll. Welche Zukunft für die Menschheit haben sie dabei vor Augen? Welche Bedeutung hat für sie das Leben des oder der Einzelnen?
Mut und Demut gehören zusammen, damit der Himmel sich öffnet und der Heilige Geist wirksam werden kann und die Stimme Gottes hörbar – wie bei Johannes und Jesus, der sich danach erstmal in die Wüste zurückzieht und sich in diesem Neuanfang ganz der Führung Gottes anvertraut. Vielleicht kann das Eintauchen der Fingerspitzen ins Weihwasser als Erinnerung an die eigene Taufe auch immer wieder neu unser Gottvertrauen stärken.
Ingrid Ertinger, Religionspädagogin
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Am 8. November 2023 beauftragte der damalige Bischof Dr. Gebhard Fürst zum ersten Mal in der Geschichte unserer Diözese 22 Frauen und vier Männer zu außerordentlichen Taufspenderinnen und Taufspendern.
Ermöglicht worden war dies durch ein bischöfliches Dekret zur außerordentlichen Taufspendung durch Laien. Im »kirchenrechtlich möglichen Rahmen wurden so wichtige Wegmarken gesetzt für eine Pastoral der Zukunft« (so Regina Seneca, Leiterin der Hauptabteilung ›Pastorales Personal‹ im Bischöflichen Ordinariat).
Dass ich hier dazugehörte, empfand und empfinde ich als ein großes Privileg, weil ich als Diplomtheologin, die in meiner Kirche keine Weihe empfangen darf, zum ersten Mal als Spenderin eines Sakraments Anteil an der sakramentalen Gnade Gottes erfahren durfte. Und tatsächlich konnte ich genau diese Erfahrung in meinen bisherigen Taufgottesdiensten machen: Da blitzt etwas von diesem großen Geschenk der Liebe Gottes in diesen Taufgottesdiensten auf, das die Anwesenden erfüllt.
Das ist ein Geschenk – zumindest empfinde ich das so, und es ist für mich ein weiteres Stück Berufung, das ich durch diese Beauftragung leben und ausüben darf. Darüber freue ich mich wirklich.
Auch habe ich mich sehr gefreut, dass diese Beauftragung keine einmalige Angelegenheit blieb, sondern bereits im November 2024 einer nächsten Gruppe von 30 Pastoral- und Gemeindereferent:innen zuteil wurde. Es sind dies Frauen und Männer, die mitten in der Pastoral stehen und erfahren sind in der Begleitung von Menschen. Für viele von uns gehört der Beerdigungsdienst zum pastoralen Alltag dazu, und viele von uns tun diesen Dienst gern. Dies gilt auch für mich. Auch ich tue den Beerdigungsdienst sehr gern. Die Begleitung von Menschen am Ende des Lebens und die Begleitung der Angehörigen in ihrer Trauer ist mir ein Herzensanliegen. Aber nun dürfen wir die Menschen, die uns in den Gemeinden anvertraut sind, eben nicht mehr nur in den besonders traurigen Zeiten des Lebens begleiten, sondern auch in der Freude, zu Beginn des Lebens. Wenn ich mich an meine bisherigen Taufgottesdienste erinnere, zaubert mir das ein Lächeln ins Gesicht, weil es eben etwas ganz Besonderes ist, einem Kind und seinen Eltern zuzusprechen, dass dieses Kind von Gott geliebt ist, nun Gott angehört, und dass dieses Kind unter dem besonderen Schutz und Segen Gottes steht.
Dass ein Kind ein Gottesgeschenk ist und ich das, weil ich ja selbst Mutter von zwei Töchtern bin, in besonderer Weise nachempfinden kann, ist hierbei – so denke ich – kein unwichtiger Punkt. Die Taufe als Feier des Lebens, als Feier in der Faszination vor dem Geheimnis des Lebens und dem göttlichen Geschenk eines Kindes, das die Eltern und auch uns, als Gemeinschaft, erfüllt, bringt das bedingungslos geliebte Menschenkind in Berührung mit der wahren Quelle des Lebens.
Ich bin dabei durch mein Tun nur Werkzeug. So wie die Kirche nur Werkzeug Gottes ist. Aber dies bin ich ungeheuer gern. Für die Stimme Gottes, »Du bist mein geliebter Sohn, du bist meine geliebte Tochter. An dir habe ich großen Gefallen« (vgl. Mk 1,11), möchte und darf ich nun Mittlerin sein. Durch diese Stimme wird unmissverständlich deutlich: Nicht weil du etwas leistest, mag ich dich, sondern so wie du bist, ist es genau richtig und gut. So wie du bist, bist du ganz und gar willkommen, angenommen und geliebt. Es ist eine absolute, eine bedingungslose Daseinsberechtigung, die wir in der Taufe erfahren, und es ist die Voraussetzung, dass wir nicht nur überleben, sondern wirklich leben können.
Natürlich würde ich mir wünschen, dass die Mutter Kirche dies für alle ihre Kinder ebenso sieht und umsetzt. Und dass auch wir Töchter als gleichberechtigte Kinder gelten, die zur Spendung von Sakramenten zugelassen würden – nicht nur deshalb, weil es nicht mehr genügend Priester in der Pastoral gibt, die dies tun können. Aber: Die Spendung der Taufe ist zumindest ein Anfang. Die Botschaft Jesu ist für mich persönlich die beste Botschaft, die ich kenne. Sie kann uns Menschen Hoffnung, Halt und Sicherheit in diesem oft so unsicheren und schwierigen Leben schenken. Für diese Botschaft setzte ich mich weiterhin ein, um mit dieser Botschaft den Menschen zu helfen, sie zu begleiten und ihnen beizustehen. Denn gerade dort, wo die Liebe der Mitmenschen und die Beziehung zu ihnen an Grenzen kommt, geht es im Sakrament darum, von der unerschöpfliche Liebe Gottes zu erzählen und diese in Zeichen spürbar zu machen.
Gabriele Lutz, Pastoralreferentin