HeiligsBlättle 4/26
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Editorial
„Etwas Bewegung würde Ihnen guttun.“ Diesen Satz haben Sie bestimmt auch schon von Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt gehört. Doch Bewegung ist so viel mehr als nur eine rein körperliche Aktivität, die Herz und Kreislauf stärkt. Sie berührt unsere Seele und verändert den Geist, wie das aktuelle Titelthema dieser Ausgabe zeigt. Von traditionsreichen Martinus- und Jakobswegen über ganz persönliche Pilgererfahrungen bis hin zur kontemplativen Gehmeditation zeigen die Autorinnen und Autoren, was Bewegung eigentlich mit uns macht. Einer, der sich im Leben besonders viel bewegt hat, war Christus. Von Nazaret nach Kafarnaum, vorbei an Kana und Magdala, hinauf nach Jericho und Jerusalem: Er war unentwegt als Wanderprediger zu Fuß unterwegs, vermutlich tausende Kilometer „on the road“. Nicht umsonst bezeichnet die Apostelgeschichte die Jüngerinnen und Jünger Jesu als „Anhänger des Weges Jesu“. Jesus hat sich aber nicht nur selbst viel bewegt, er hat unendlich viel bewegt. Und genau das ist der bleibende Aufruf an uns: Aufzustehen, aktiv aufeinander zuzugehen, im Dialog auch mal eine ganz andere Position einzunehmen und anstehende Veränderungen gemeinsam anzugehen. Nur Mut, kleine Schritte machen den Anfang, um große Dinge zu bewegen. Gehen wir los, um die Botschaft Christi lebendig in die Welt zu transportieren! Ihr Moritz Geisel

Thema
Ich fing früh an, „zu pilgern“.

Mit meiner Jugendgruppe waren wir jahrelang im Sommer unterwegs ohne Route, ohne Ziel, fast ohne Geld aber mit Gitarre, jugendlich, offen für vieles, manchmal in Not, oft beglückt, beschenkt, suchend und findend in junger Gestalt, sommerlich; meist wurde uns irgendwo ein Nachtplatz für die Isomatten angeboten. In St. Johannes begannen wir 2008, jährlich eine Woche auf einem der Jakobswege zu pilgern, gern in Frankreich im November. In der Herausforderung der gemeinsamen Woche veränderte sich die Gruppe, Elemente prägten sich heraus: Vor dem Frühstück ein Morgengebet. Ein reihum gegebener Impuls zum Tag nach einer Stunde Weg. Der Vormittag im inneren und oft auch äußeren Schweigen. Eine einfachste Eucharistie am Abend.

Entfernung, Tempo und Pausen bleiben immer neu zu finden. Es bleibt eine Spannung zwischen „jeder geht für sich“ und „wir gehen miteinander“. Pilgern macht die Haut dünn; körperliche Erschöpfung und Malaisen sind treue Begleiterinnen; einfache Unterkünfte berauben privater Rückzugsmöglichkeit. Nichts ist deswegen richtig, weil es sich hart anfühlt (Augustinus). In allen Kulturen kennt die Praxis des Pilgerns Elemente auch von Herbheit. „Aufbruch“ im wörtlichen und übertragenen Sinn war dabei immer wichtig: Alles muss mit und alles wird zurückgelassen. Immer wieder. Die Entdeckung von Leiblichkeit kommt dazu: Beim Pilgern bestimmt der Leib, nicht der Geist: Gedanken und Worte treten zurück. Laufen geht nur wirklich, in Gegenwart. Das Geschöpf streckt sich bewegt aus nach dem Schöpfer. Das ist die Unruhe von Pilgerinnen und Pilgern, auch abseits von Jakobswegen.

Die Kognitionsforschung geht davon aus, dass bekannte Orte uns „triggern“ – also bestimmte Emotionen wecken, bestimmte Kognitionen und soziale Muster verstärken. Wo es um den lebendigen Gott, den lebendigen (Mit)Menschen geht und die soziale und politische Antwort, die sich daraus ergeben mag, sind diese Muster wohl ambivalent und bedürfen auch des Verlernens und der Neuformung. Pilgern als fortwährender Ortswechsel kann helfen, eigene und soziale Muster zu lockern und neu formen zu lassen, immer wieder: eine dauernde Vor-Läufigkeit.

Im Bild gesprochen pilgern wir dem Stern entgegen, der die Ankunft der Ewigkeit verheißt, aber eben: woanders und in unbekannter Gestalt. Das lässt aufstehen und weitergehen. Wer mag, kann dabei an die drei weisen Menschen aus dem Osten denken, die Wüsten durchqueren und bis kurz vor Bethlehem fragen: „Wo ist dieser?“ (Mt. 2,2). Und dann in einem geschenkten Moment werden sie gewahr: Des Sterns und des Kindes. Sie werden gefunden von der Ankunft, wahrscheinlich überraschend, überfließend von Glück.
Gute Wege uns allen. 
Georg Fehling
 


 

„Auf der Erde zu gehen, das ist das Wunder.“ (Spruch aus Japan)

Beim achtsamen Gehen in freier Natur alleine oder in Gemeinschaft wird die Schönheit und Kostbarkeit dieser unserer Erde besonders bewusst. Veränderungen im Weltgeschehen und die leidende Natur durch den Klimawandel zeigen, wie fragil und schützenswert unsere Schöpfung ist.

Gewohntes verändert sich, auch in unseren Kirchengemeinden.
Vieles gerät in Bewegung, und wir müssen uns mitbewegen, sind gefragt, wie wir in Zukunft in Gemeinschaft miteinander leben wollen. Dies ruft nicht selten eine innere Angespanntheit, Unsicherheit und den Drang, aus der Situation durch Verdrängung und Ablenkung zu entfliehen. 
In welche Richtung soll es gehen? 
Wer weiß das schon?
Vielleicht hilft der Spruch von Antonio Machado, der sagt: „Wanderer, nur deine  Spuren sind der Weg, und weiter nichts; Wanderer, es gibt den Weg nicht, er entsteht, wenn man ihn geht. Erst im Gehen entsteht der Weg …“ Nicht einem ausgetretenen Weg folgen, sondern in Bewegung kommen, eigene Spuren setzen und einen Weg entstehen lassen.

Der Ablauf einer Gehmeditation kann auch eine hilfreiche Metapher sein: Sich mit anderen gemeinsam auf den Weg machen, auch wenn man nicht genau weiß, wohin der Weg führt. Mit jedem Schritt loslassen, um dann wieder den Boden, den Halt zu spüren. Im „Heute“, im „Hier und Jetzt“ ankommen. Sich dem Rhythmus des Gehens anvertrauen.

Sind die Schritte ungewohnt, zu langsam, zu groß, zu klein, sind Unebenheiten auf dem Weg, kann Unsicherheit entstehen. Man kommt nicht selten ins Wanken. Hilfreich ist dann, die Achtsamkeit wieder ganz zu den Schritten zu lenken und den Boden unter den Füßen zu spüren.
Am Ende der Gehmeditation kann im Austausch mit anderen, die Unterschiedlichkeit in den Erfahrungen und das gemeinsam Verbindende erkannt werden. Wesentliches kristallisiert sich heraus.
Im übertragenen Sinn sind diese Punkte auch hilfreich, wenn in den Veränderungen unserer Zeit neue Schritte gewagt werden und gemeinsam nach Lösungen gesucht wird. Das Vorwärtsgehen wird immer wieder angepasst und ggf. die Richtung geändert werden müssen. Fehler sind nicht als Misserfolg, sondern als Lernpotential zu sehen. So kann Zukunft aktiv mitgestaltet werden, und das Gefühl der Hilflosigkeit verringert sich.
Beim Gewohnten, Althergebrachten zu bleiben, würde heißen, immer denselben Blickwinkel einnehmen. Stillstand ist die Folge. „Stillstand ist Rückschritt“. Alles wirklich Lebendige ist in Bewegung. Altes, Gewohntes loslassen, sich auf Neues einlassen, in diesem Prozess werden wir auch selbst in Bewegung gebracht, erweitern unseren Horizont und unser Mensch-Sein. Rainer  Maria Rilke sagt das so: „Ich wandle und wandle mich.“

Und wer weiß, vielleicht können wir nach einer gewissen Zeit Dag Hammarskjöld zustimmen, wenn er sagt: „Dem Vergangenen ‚Dank‘, dem Kommenden ‚Ja‘!“. Und dazwischen das ‚Jetzt‘, das ‚Heute‘, den Moment entdecken, an dem das eigentliche Leben stattfindet. Es gilt nicht in einen blinden Aktionismus zu verfallen, sondern in Rückbindung und im Vertrauen auf den, der das LEBEN ist, der Liebe und der Kraft, die uns trägt, die notwendigen Schritte zu wagen.

Das Wunder auf dieser Erde gehen zu dürfen, dankbar entgegen zu nehmen und gemeinsam mit anderer Zukunft ermöglichen; für unsere Kinder und für unsere wunderschöne Erde.
Komm in Bewegung und … Geh! Geh weiter!
Katharina Lang (langjährige Meditationspraxis)

 



Den Weg teilen – Martinuswege in Baden-Württemberg

„Den Weg teilen – Pilgerangebote auf dem Martinusweg“ steht seit zwei Jahren als Überschrift über dem Jahresprogramm der Diözese Rottenburg-Stuttgart und der St. Martinusgemeinschaft. „Den Weg teilen“ das heißt beim Pilgern immer auch „Gott geht mit“ – im Gebet, in der Stille, bei der Andacht in der Kirche und in vielen besonderen Momenten. Den Weg teilen wir mit anderen Pilgern, den Gastgebern am Weg und Menschen mit denen wir auf dem Weg eine kurze Begegnung haben. Immer wieder teilen Pilger ihren persönlichen Weg mit Personen, die wegen Krankheit oder Gebrechen nicht mehr selber pilgern können. Für jemand zu gehen, ihn in Gedanken und im Gebet mitzunehmen hat auf dem Martinusweg seit der Coronazeit eine gute Tradition. Damit sehen wir uns verbunden mit Sankt Martin, der sich den Bedürftigen und Schwachen zugewandt hat.

Über den Martinusweg

2005 hat der Europarat den Martinusweg („Via Sancti Martini“), der die Geburtsstadt des Hl. Martin, Szombathely in Ungarn, mit seiner Grablege in Tours in Frankreich verbindet, in die Liste der Kulturwege aufgenommen. Martinuswege gibt es mittlerweile in 15 europäischen Ländern. Bischof em. Dr. Gebhard Fürst hatte diese Idee aufgegriffen und den Martinusweg auch in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, die unter dem Patrozinium des Hl. Martin steht, ausgewiesen. Wir verstehen und gestalten den Martinusweg in unserer Diözese als Pilgerweg, auf dem die Pilgerinnen und Pilger eingeladen sind, sich mit dem Hl. Martin auf einen geistlichen Weg zu begeben und sich mit seinem Glaubenszeugnis, seinem Leben und seinem Wirken auseinanderzusetzen. Pilgern auf dem Martinusweg kann so zur Spurensuche werden: nach Spuren des Hl. Martin in unserer Diözese, aber mehr noch nach Spuren Gottes in unserem Leben.

Der Martinusweg durch die Diözese verbindet als ein Teilstück der europäischen Mittelroute „Via Sancti Martini“ die beiden „Martinsorte“ Szombathely und Tours. Daraus ergibt sich ein Hauptweg von Tannheim bei Biberach nach Schwaigern bei Heilbronn, der verschiedene Kirchen mit einem Martinspatrozinium miteinander verbindet. Der Wegverlauf geht über Biberach, Ulm, Hechingen, Böblingen, Stuttgart und Heilbronn. Um auch andere Martinskirchen in der Diözese mit dem Martinusweg in Verbindung zu bringen, gibt es weitere Regionalwege des Martinuswegs, die auf diesen Hauptweg zuführen Die sind der Martinusweg Bodensee-Allgäu-Oberschwaben vom Bodensee bis nach Biberach, der Martinusweg Hohenlohe-Franken von Bad Mergentheim nach Heilbronn, der Martinusweg Donautal-Zollernalb von Sigmaringen nach Hechingen und der Martinusweg Zwiefalter-Reutlinger Alb von Zwiefalten über Reutlingen und Tübingen nach Rottenburg. Insgesamt 1.300 Kilometer Martinusweg durchziehen Baden-Württemberg.

Pilger gehen den Weg

Über 40 Pilgerangebote gibt es mittlerweile pro Jahr auf dem Martinusweg in der Diözese. Diese reichen vom Format „Pilgern für alle – barrierefrei, leicht, mutmachend“ bis zu Pilgerwochen. Am populärsten sind Halb- und Ganztagespilgerangebote.

Warum pilgern Menschen auf dem Martinusweg?

Die organisierten und von ausgebildeten Pilgerbegleiterinnen und Pilgerbegleitern durchgeführten Pilgertage bieten die Chance einer kleinen geistigen Auszeit im Alltag, einem Gehen mit Gott und einem Hineinschnuppern ins Pilgern. Menschen, die viele Wochen unterwegs sind, tun dies meist an Wendepunkten in ihrem Leben, in einem persönlichen Anliegen oder einer Fragenstellung, für eine andere Person, oder speziell auf dem Martinusweg, weil sie Sankt Martin und sein Handeln fasziniert.

Der Weg verändert sich

Der Martinusweg ist mittlerweile 15 Jahre alt und in der Diözese Rottenburg-Stuttgart etabliert. In den letzten Jahren kamen zu den Fußpilgern Radpilger hinzu, die einzelne Etappen fahren oder gleich die gesamten Europäischen Martinusweg von Szombahtley nach Tours unter die Räder nehmen. Auf dem Martinsweg Franken-Hohenlohe entsteht beim Projekt „Gastfreundschaft Hohenlohe“ im Moment ein Netz privater und kostengünstiger Übernachtungsmöglichkeiten. So ist auch der Martinusweg als noch junger Pilgerweg ständig in Bewegung.
Achim Wicker, HA IV Pastorale Konzeption, Fachbereich Pilgern und Wallfahrtsorte

Alle Informationen: martinuswege.eu
 


 

Sollen wir uns wieder „aufmachen“ und „EINE REISE AUFEINANDER ZU“ unternehmen?

Vielleicht erinnern sich manche noch daran: Zur Unterstützung des Gemeinschaftsgefühls in der Tübinger Gesamtkirchengemeinde wurden ab 2014 Sternwanderungen veranstaltet, Pilgerwege. Jeweils eine Kirchengemeinde lud die fünf anderen an einem Samstag zu sich ein, um sich vorzustellen, vor Ort zu stärken und dann einen gemeinsamen Gottesdienst zu feiern. Das Kennenlernen konnte ganz unterschiedlich ausfallen, hier einige Beispiele. 

Der Pilgerweg nach St. Pankratius führte zunächst nach Kilchberg, wo die Kirchengemeinde immer wieder als Gast der evangelischen Kirche Gottesdienst feiern kann. Dort wurden die Pilger von einem jungen Cellisten empfangen, erst dann ging es weiter nach Bühl. Der Pilgerweg nach St. Michael endete nicht an der Michaelskirche, sondern im Französischen Viertel, nämlich an der zusammen mit der evangelischen Eberhardsgemeinde genutzten Kirch am Eck. Mit diesem Ziel zeigte die Gemeinde ihre große Offenheit gegenüber allen, die dorthin kommen und Heimat suchen, unabhängig von Gesangbuch und Taufschein. Schon von ihrer Geschichte als Gründung für neu angesiedelte Flüchtlinge aus den katholischen Ostgebieten her war St. Michael Heimat-Gemeinde im wahrsten Sinn des Wortes. Die Pilgergruppen nach St. Johannes trafen sich am Bahnhof – ein ganz bewußt gewählter Treffpunkt für eine Innenstadtgemeinde, die seit vielen Jahren zusammen mit der Bahnhofsmission für alle, die nicht allein Weihnachten feiern möchten, die Lichterstube veranstaltet. Der Weg durch die Gemeinde führte über den Steg am Uhlanddenkmal auf die Platanenallee und wurde dann – ebenfalls der Gemeindestruktur entsprechend – zur intellektuellen Stadtführung mit den Stationen Autenriethsches Klinikum mit Hölderlinturm (von der Platanenallee aus), Stiftskirche St. Georg und Wilhelmstift. Brotzeit gab es anschließend in der Bachgasse, zum Gottesdienst traf man sich schließlich in der Johanneskirche. Das war im September 2016 – mit dem Kennenlernen haben wir uns seinerzeit also Zeit gelassen! Die ganze Aktion war jeweils bestens organisiert, mit einer Liste, auf der Abmarschzeiten in den Einzelgemeinden, Treffpunkte auch für all diejenigen, die so weit nicht laufen können vermerkt waren, usw. Alle Gemeinden waren einmal dran, alle Sternwanderer haben das jeweils sehr genossen! Sollen wir uns, bevor die Gemeinden im Neckar-, Steinlach- und Wiesaztal zusammengehen (ein bißchen Ammer- und Goldersbachtal sind auch dabei), nicht wieder aufmachen, um uns näherzukommen? Und mit vielen neuen Ideen die – nun doch sehr viel weiteren – Wege planen, unter Einschluß von Fahrrädern, Bussen und Bahnen? 

Die Redaktion des HeiligsBlättle findet das nicht abwegig …
Barbara Wiedemann,Redakteurin für St. Johannes