HeiligsBlättle 1/26
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(nicht nur) für die Fastenzeit
Die Fastenzeit ist ein guter Anlass, um sich (neu) zu orientieren, um eingefahrene Gleise zu verlassen, gute Gewohnheiten einzuüben. Die Fragen auf dieser Seite sollen dabei helfen. Sie laden dazu ein, uns und unser Tun zu prüfen und herauszufinden, was jede und jeder ganz persönlich braucht. Die Fragen können ein Startpunkt sein, um neue Ideen zu finden, Pläne zu schmieden und zu handeln. So machen wir uns auf den Weg: zu Gott, zu unserem Nächsten, zu mehr Zufriedenheit und Glück! Probieren Sie es aus! (at/lmc).
Was brauche ich?
Fastenaktion für Klimaschutz und Gerechtigkeit
Wäre Jesus Klimaaktivist? Mit kleineren und großen Bannern an katholischen und evangelischen Kirchen in Tübingen wollten christliche Gemeinden fragen, was Kirchen und was Christen zu der fast in Vergessenheit geratenen Klimakrise zu sagen haben. Die Frage war Gesprächsthema, sie wurde verneint, bejaht, kontrovers diskutiert und hat zum Nachdenken angeregt. Die in Teilen der Welt bereits zur Klimakatastrophe gewordene Krise, führt zu Dürren, Überschwemmungen und riesigen Waldbränden und entzieht in Teilen der Welt den Menschen ihr Lebensgrundlage.
Von Aschermittwoch 18. Februar bis Ostersonntag 5. April 2026 lädt die ökumenische Aktion Klimafasten ein, neu hinzuschauen: Mit dem alttestamentlichen Motto „so viel du brauchst“ stellt sich die Frage: Wie viel ist genug? Was haben wir im Überfluss? Womit sind wir beschenkt? Wie können wir die Gemeinschaften bereichern, in denen wir leben? Wie gelingt ein Leben, das gerecht ist – auch für andere? Wie werde ich meiner Verantwortung gerecht?
Genug ist genug! Beim Fasten, so könnte man meinen, und besonders beim Klimafasten, geht es um Begrenzung und Beschränkung. Soviel du brauchst – aber eben nicht mehr. Genug ist genug? Im Johannesevangelium sagt Jesus: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und volle Genüge“ (Johannes 10,10). So hat zumindest Martin Luther übersetzt. Das klingt recht genügsam. Wörtlich übersetzt aber steht da: Das Leben in Fülle. Oder sogar: im Überfluss. Genug ist also bei Jesus nicht genug. Im Gegenteil: Soviel du brauchst – und noch viel mehr! Das Klimafasten in diesem Jahr lädt dazu ein, gemeinsam zu entdecken, wie beides zusammenpasst. Wie ein Leben gelingen kann, das unsere natürlichen Ressourcen nicht überstrapaziert und die Erderhitzung nicht weiter beschleunigt. Und das gleichzeitig nicht eng und kleinlich ist, sondern die Fülle feiert. In den sieben Wochen der Fastenzeit richten wir unsere Aufmerksamkeit auf das, wovon wir genug haben, ja, was sogar im Überfluss vorhanden ist: der Reichtum und die Schönheit der Natur, die unzähligen Sinneseindrücke, die wir jeden Tag sehen, fühlen, hören, riechen und schmecken, alle Mitmenschen, mit denen wir zur Gemeinschaft eingeladen sind, und nicht zuletzt die 86.400 Sekunden jedes neuen Tages, die wir geschenkt bekommen.
Natürlich fragen wir auch: Was brauche ich, um Nähe zu erfahren, um meine Zeit gut zu nutzen, meine Sinne zu schärfen? Und was brauchen andere, um gut zu leben – und wie schaffen wir es, dass niemand zu kurz kommt. Das Klimafasten ist die Einladung, einem weit verbreiteten Gefühl der gesellschaftlichen Ohnmacht, aber auch der individuellen Überforderung etwas entgegenzusetzen. Gott schenkt uns genug Lebensfülle, achtsam mit seiner Schöpfung und unseren Mitmenschen umzugehen. Zugleich ist diese gelebte Nächstenliebe auch eine Anregung für die ganze Gesellschaft, den Reichtum ihrer gefährdeten Lebensgrundlagen zu erhalten.
Klimafasten lädt ein, sich in Fastengruppen zusammenzufinden, die ökumenische Gemeinschaft zu (er)leben und jede Woche einen anderen Aspekt der Frage „Wie viel ist genug?“ zusammen zu ergründen. Die Broschüre „So viel du brauchst“ begleitet durch die sieben Wochen der Fastenzeit – mit einem Bibelvers, inspirierenden Impulsen, praktischen Ideen und Platz für eigene Gedanken. Auf www.klimafasten.de finden Sie Material, Projekte, Videos, Veranstaltungshinweise und den Newsletter.
In Tübingen beginnen wir die ökumenische Aktion mit dem Aschermittwochsgottesdienst in der Johanneskirche um 19.00 Uhr. Anschließend daran findet im Gemeindezentrum, Bachgasse 5 gegen 20.15 Uhr ein erstes gemeinsames Gruppengespräch statt mit dem ersten Wochenthema: Genug. Beschenkt. Wovon habe ich genug? Was macht mich heute reich?
In den folgenden Wochen sind alle eingeladen zu einer offenen ökumenischen Gruppe im kleinen Saal des Schlatterhauses jeweils am Mittwoch um 19.30 Uhr:
25. Feb.: Gerecht. Lebenswert. Wie sieht Gerechtigkeit aus? Ich habe genug – und andere?
4. März: Gut. Versorgt. Vom Gesund-Sein und Sich-Versorgt-Wissen
11. März: Gemeinsam. Leben. Wie leben wir Gemeinschaft mit allem Lebendigen?
18. März:Geschenkt. Zeit. Zeit erfüllend nutzen, für mich – für andere(s)
25. März:Glückselig. Liebevoll. Mit allen Sinnen wahrnehmen. Offen, sinnlich, empfänglich.
1. April: Gesegnet. Bereichert. Vom Segen und von der Verantwortung
Alternativ: Gründen Sie eine Fastengruppe in Ihrer Gemeinde oder nutzen Sie die Wochenthemen zum Austausch in den bestehenden Gruppen und Kreisen in Ihrer Gemeinde. Alle Termine in Tübingen zum Klimafasten können auf dem QR Code eingetragen und diesem entnommen werden. Christiane Bories, Hans Jakob. Anke Lohrberg-Pukrop
Impulsgedanken zur Fastenzeit
Wenn Sie auf die bevorstehende Fastenzeit schauen, was verknüpfen Sie damit? Ist für Sie die Fastenzeit mit der Herausforderung gekoppelt, „den Gürtel enger zu schnallen“ oder eine Art von Verzicht einzuüben, um vielleicht gesünder oder bewusster zu leben? Ist die Fastenzeit für Sie Ansporn, etwas Neues auszuprobieren? Teilen Sie vielleicht auch die Erfahrung, dass man sich am Anfang etwas bewusst vornimmt und dann doch in der Mitte der Zeit erlahmt und nachlässt?
Für diesen Artikel wurde ich als Ordensschwester angefragt, die ich mitten in der Konsummeile Stuttgarts wohne (Königstraße) und damit täglich mit Konsumfreudigen oder -willigen, meine Wege teile. Aber ich bin keineswegs eine Expertin im Verzichten, im Fasten oder Loslassen, nur weil ich mich dem Gelübde der Armut verpflichtet habe. Und von daher möchte ich mit Ihnen ganz schlicht Erfahrungen teilen, die mich in jüngster Zeit bewegt haben.
Kurz vor Weihnachten war ein roter Briefumschlag ohne Adressaten in unserem Briefkasten. Vorsichtig öffnete ich den Umschlag und las folgendes: „Meine geliebten Schwestern, ich wünsche euch ein schönes happy-birthday-jesus-Fest. Mit dem Geld (es waren
200 € beigelegt) sorgt bitte dafür, dass alleinstehende Mütter ein etwas schöneres Fest haben (im Sinne von Jesus wie er gesagt hat: lasst die Kinder zu mir kommen). Ich habe den Umschlag so gelassen, wie ich ihn gefunden hab, damit ihr ihn nochmals benutzen könnt. Schönen Gruß Schwalbe“. Ich kenne „Schwalbe“ schon mehr als zehn Jahre.
Vielleicht haben Sie von dieser Geschichte gehört? Sie ging viral in den verschiedenen Medien. Ich nahm Kontakt auf mit Fr. Gruß, der Geschäftsführerin vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF). Die Presse wurde auf diese außergewöhnliche Geste eines Obdachlosen aufmerksam, sodass eine große Spendenbereitschaft ins Rollen kam und sich diese Spende inzwischen vervielfacht hat. Viele Menschen wollten Schwalbe die 200€ rückerstatten, damit er wieder das für sich Nötige hätte. Aber er sagt ganz klar: „Wenn ich es nicht übrig gehabt hätte, hätte ich es nicht gemacht. Ich brauche das Geld nicht. Du weißt doch, dass ich Jesus versprochen habe, dass ich ihm folge.“ Schwalbe lehrt uns, was es heißt „So viel du brauchst“.
Eine weitere Erfahrung, die mich derzeit beschäftigt, ist der konkrete Umgang mit dem Einspardruck, der auf der Kirche lastet. In meinem beruflichen Umfeld wird die Stelle einer Kollegin, die in Ruhestand gegangen ist, nicht mehr besetzt. Wie verhalte ich mich dazu? Was brauche ich? Ich nehme bei mir eine gewisse Verunsicherung wahr. Ich brauche also ein Maß an Sicherheit und auch Orientierung, um kreativ und optimistisch damit umzugehen. Ich brauche Zeit, um das Vergangene gut abschließen zu können und mich auf Neues einzustellen. Ich brauche das Gespräch, sowohl mit den Vorgesetzten, als auch den Menschen, für die ich da bin. Und ich brauche das Gebet, den Widerhall meiner Gedanken und Gefühle in Bezug auf Gott. Dabei sind mir die Evangelischen Räte eine Stütze. Die Einübung, sich nicht zu sehr zu verwurzeln oder sich an Besitz zu binden und die Haltung, andere nicht von mir abhängig zu machen, bewahrt mich in einer inneren Freiheit und hilft mir zu gestalten.
Ich frage mich immer wieder: Was nährt mich? In meinem Gebetsleben habe ich mir angewöhnt, mit nur einem Wort zu beten. Ich lese am Vorabend die Tageslesungen des folgenden Tages und spüre nach, welches eine Wort ich in die Nacht mit hineinnehmen möchte. Am Morgen spüre ich wieder nach, ob es noch dieses Wort ist, oder ob mich ein anderes Wort mehr berührt. Mit diesem Wort gehe ich dann durch den Tag.
„Soviel du brauchst“ – dieser Impulssatz kann uns in der Fastenzeit also Ansporn sein, uns neu auszurichten und zu vertrauen, dass das was wir brauchen, uns von Gott geschenkt wird. Es kann Situationen im Leben geben, die uns maximal herausfordern. Ich darf aber auch darauf vertrauen, dass Jesu Zusage auch heute noch gilt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Joh 10,10)
Dazu wünsche ich Ihnen Gottes reichen Segen, hoffnungsvolles Ausprobieren, mutiges Scheitern und lachendes Auf(er)stehen! In geschwisterlicher Verbundenheit grüßt Sie Sr. Nicola Maria Schmitt, Vinzentinerin von Untermarchtal, tätig in der Citypastoral Stuttgart
Wie es mit unseren Gebäuden weitergeht…
Manchmal braucht es Druck von außen, dass sich etwas bewegt. Der Beschluss der Landesregierung, bis zum Jahr 2040 „klimaneutral“ zu sein, wirkt sich aus bis hinein in unsere Kirchengemeinden. Denn: auch die kleinste Gemeinde besitzt Gebäude. Und die müssen beheizt werden und in ordentlichem Zustand sein, zumal im Land der Häuslebauer. Die Kirchenaustrittswellen der letzten Jahre und der anstehende Eintritt der Boomer-Jahrgänge in den Ruhestand bringen die Kirchensteuereinnahmen zum Kippen. Erstmals seit Jahren wird die Zuweisung an die Gemeinden deutlich gesenkt, spätestens für das Haushaltsjahr 2027. Dazu steigen die Kosten für die Gebäudeunterhaltung sprunghaft an. Damit die Gemeinden finanziell handlungsfähig bleiben, damit also Geld da ist für das, was zum Gemeindeleben nötig ist, müssen wir uns entscheiden: Was wollen wir? Und was lassen wir?
Spätestens seit der Einführung der Doppelten Buchführung in unserem Verwaltungszentrum wird sichtbar, dass wir angesichts der verschärften Rahmenbedingungen über Jahre zu wenige Rücklagen für die Sanierung unserer Gebäude gebildet haben. Das gilt übrigens für die evangelischen Gemeinden und die Kommunen gleichermaßen. Der Diözesanrat hat deshalb schon vor gut zwei Jahren entschieden („Räume für eine Kirche der Zukunft“), den Gebäudebestand in unserer Diözese – genauer: die kirchensteuerfinanzierten, beheizten, nicht-sakralen Gebäudeflächen – um 30% zu verringern. (Um welche Gebäude geht es? Pfarrhäuser, Gemeindehäuser, Kindergartengebäude, Vermietungsobjekte. Kirchen selber gehören also momentan noch nicht dazu.) Auf der Ebene der Gemeinden heißt das: die Kürzung von 30% der Gebäude(flächen) bezogen auf die Seelsorgeeinheit. So kann es sein, dass in einer Gemeinde mehr zusammenkommt, in einer anderen weniger, da dort die Gebäude energetisch topp in Schuss sind oder Vermietungspreise für eine vernünftige Rücklagenbildung ausreichen. Mit 30% ist unsere Diözese übrigens am unteren Ende: es gibt Landeskirchen mit 50%-Vorgaben. Und auch in unseren Tübinger evangelischen Schwestergemeinden läuft es auf 30-50% hinaus (im Rahmen des landeskirchlichen Prozesses Oikos).
Not macht erfinderisch. Denn „verringern“ heißt nicht einfach „verkaufen“, um wieder Geld zu haben. Sondern auch: gut vermieten, wo es sich anbietet. Und – noch wahrscheinlicher: Kooperationspartner finden, mit denen zusammen die finanzielle Last gemeinsam getragen wird. Um hier zu guten Lösungen zu kommen, hat sich pro Seelsorgeeinheit ein so genannter „Zukunftsausschuss“ gebildet, in dem jede Gemeinde vertreten ist – durch Menschen mit unterschiedlichem Blickwinkel und entsprechenden Kompetenzen: sozial, pastoral, baulich, ökologisch. Unser „Regionalmanager“ Raphael Steur aus Rottenburg begleitet den Prozess, sammelt Fragen und Knowhow und schafft Vernetzungen zwischen ähnlichen Situationen bzw. zwischen den verschiedenen Entscheidungsebenen. Nach einer Bestandsaufnahme der Gebäude werden diese bewertet. Dafür steht uns ein Fragebogen samt Punkte-System zur Verfügung, das neben baulichem wie energetischen Zustand auch die Bedeutung eines Gebäudes einschätzt (Bedeutung für das Gemeindeleben genauso wie für das Umfeld, also etwa für den Stadtteil oder das Vereinsleben im Dorf). Im späten Frühjahr soll unser Votum, das freilich von den Gremien der einzelnen Gemeinden jeweils zu beschließen ist, nach Rottenburg weitergegeben werden. 30% weniger Gebäude – diese Zahlen machen vielen Menschen Sorge, ja Angst: Wie soll das gehen? Was heißt das konkret? Denn wir verbinden mit unseren Gebäuden wertvolle Erinnerungen, auch ganz persönlich. Viele haben Zeit, Geld, Arbeit und Herzblut hineininvestiert. Am Ende umsonst? Mir hilft die Erfahrung, dass „Abspecken“ ein Kampf ist mit sich selbst, aber letztlich Erleichterung schafft, neue Energie für das, was jetzt dran ist. Dazu der Gedanke, dass wir in diesen Zeiten geradezu gezwungen sind zusammenzurücken. Kirche soll erreichbar sein vor Ort. Klar!
Das spricht z.B. gegen eine rigorose Zentralisierung von Büros. Aber muss deswegen bei jeder Kirche ein voll ausgestattetes Pfarrbüro unterhalten werden (Kosten für Putzen, Heizen, Festnetz, Internet etc. inklusive)? Geht das nicht auch anders, etwa dass eine Sekretärin zu bestimmten Zeiten mit Laptop dort vor Ort präsent ist, wo die Leute sowieso hinkommen, um etwas zu erledigen bzw. sich zu treffen? In jedem Fall: Wir müssen reden miteinander! Dafür tragen Kirchengemeinderäte und Pastoralteam Sorge. Und das soll auch in den nächsten Ausgaben des HeiligsBlättle Thema bleiben. Und nicht zuletzt: Erste Gespräche mit den Verantwortlichen der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde zeigen: Wir sitzen im selben Boot! Warum nicht, wo es sinnvoll ist, gemeinsam Verantwortung tragen? Auch für unsere (reduzierten) Räume? Beispiel: Ich träume von einem Ökumenischen Pfarrbüro für die Altstadt-Gemeinden, wie es in Sigmaringen seit Jahren der Fall ist (www.mittendrin-sigmaringen.de). „Räume für eine Kirche der Zukunft“ heißt der Slogan. Propaganda? Pragmatismus? Vision? Längst gibt es Mut machende Entscheidungen, die zeigen: Kirche ist und bleibt auf dem Weg. Mit den Menschen und zu den Menschen. Gottes Geist weht, wo er will. Und der Geist lässt uns ganz sicher nicht im Stich, wo wir ihm Raum schenken, dass er wehen kann. Damit die Leute die Gewissheit haben: Mit Kirche können wir rechnen. Auch in Zukunft. Ulrich Skobowsky, Pfarrer