HeiligsBlättle 4/22
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 

Von der versorgten zur selbstsorgenden Kirchengemeinde – ein neues Modell in der Seelsorgeeinheit Tübingen

Eine Neuorientierung in der Seelsorge ist notwendig

Es sind nicht nur die Folgen der immer größer werdenden Seelsorgeeinheiten und die immer kleiner werdende Anzahl verfügbarer pastoraler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nach einer Neuorientierung in Seelsorge und Gemeindeleitung rufen. Nein, uns bietet sich in Tübingen eine einzigartige Gelegenheit, an neuen Strukturen aktiv mitzudenken, auszuprobieren, Veränderungen anzustoßen. Das ist eine Herausforderung – ganz unbestritten! Die gedankliche Fixierung darauf, dass Priester und hauptamtlich in der Gemeinde Beschäftigte alle Aufgaben in Liturgie, Verkündigung und Diakonie sowie beim Aufbau der Kirchengemeinde leisten, hat zu einer Passivität vieler Laien geführt. 

Das Denken und die Erwartung mancher Gemeindemitglieder, aufgrund von gezahlter Kirchensteuer mit Gemeindeangeboten automatisch versorgt zu werden, ist heute allerdings zur Illusion geworden! Man kann es nicht deutlich genug sagen. Auch Priester aus priesterreichen Gegenden der Welt anzuwerben, hilft nicht, so wichtig kultureller Austausch und Begegnung sind.

Der Geist Gottes lebt in den Gemeinden, er will wirken
Nicht nur, dass das bestehende Modell die hauptamtlichen pastoralen Mitarbeitenden zunehmend überfordert – es missachtet auch die in allen Christinnen und Christen angelegten Begabungen für Predigt, Wortgottesdienst-Gestaltung und auch Leitung. 

Das sind keine neuen Gedanken, der Apostel Paulus hat sie bereits formuliert. Im 16. Kapitel des Römerbriefs und im 16. Kapitel des ersten Korintherbriefs erwähnt Paulus viele Namen von Leiterinnen und Leitern der Gemeinden in Rom und Korinth. 

Was sollen nun Leitungsteams?
Auch in der Seelsorgeeinheit Tübingen gibt es Frauen und Männer, die Leitungsaufgaben übernehmen können und dazu bereit sind. Das geschieht in allen sechs Gemeinden in den Kirchengemeinderäten. Gottes Geist ist hier anwesend und wartet darauf, wirken zu können. Dazu braucht es Gebet, Reflexion und Austausch. Darum soll sich jede Gemeinde in Tübingen in diesem Geist zusammensetzen, ihre Situation bedenken und sich fragen, was ihr wichtig ist, um als Gemeinschaft im Glauben heute wirksam zu sein. Unter den Stichworten von Verkündigung, Nächstenliebe und Gemeinschaft soll sie formulieren, welche Aktivitäten ihr wichtig sind, um eine lebendige und attraktive christliche Gemeinde zu sein.

In diesem Prozess wird die Gemeinde begleitet und unterstützt von Hauptamtlichen, die mithelfen, Wege für diese höhere Verantwortung zu finden. Ein Ergebnis des Prozesses ist die Bildung von Leitungsteams mit mindestens drei Personen. Das sind in erster Linie Frauen und Männer, die Mitglied im Kirchengemeinderat sind und somit von der Kirchengemeinde durch ihre Wahl schon einen Leitungsauftrag bekommen haben. Die Hoffnung des Tübinger Gesamtkirchengemeinderates ist es, dass sich in jeder Gemeinde ein solches ehrenamtliches Team findet. Es soll von der jeweiligen Gemeinde akzeptiert und getragen sein. Dieses Team wird in einem besonderen Gottesdienst feierlich als Leitungsteam eingesetzt. Die Leitungsaufgabe ist zeitlich begrenzt und endet mit der Wahl eines neuen Kirchengemeinderats. Die Leitungsteams können und sollen die pastoralen Mitarbeitenden nicht ersetzen oder mit ihnen konkurrieren. Die pastoralen Mitarbeitenden werden freigesetzt für ihre eigentlichen Aufgaben in der Seelsorge, bei der Feier der Sakramente, in der Katechese und für Dienste bei Beerdigung, Trauung oder Taufspende. 

Kooperationen der Leitungsteams
Die einzelnen Leitungsteams in Tübingen sollen sich auf Ebene der Gesamtkirchengemeinde verbinden, sich austauschen, sich beraten. Auch dabei werden sie unterstützt und begleitet von Priestern und Hauptamtlichen, die Seelsorge und Coaching für die Leitungsteams anbieten. Gedacht ist auch an eine Aufwandsentschädigung für die Leitungsteams.

Die Vorbereitung auf dieses Modell soll in Tübingen überall dort intensiviert werden, wo Ehrenamtliche bereits in die Gemeindeleitung einbezogen sind und die Gemeinde dies auch schon so wahrnimmt. Ein erster Austausch aller Gemeinden zum neuen Leitungsmodell findet am Samstag, den 15. Oktober ganztägig in St. Michael statt.

Gemeinde als Licht der Welt
Unser Modell achtet Gemeinde als Subjekt der Seelsorge und vertraut auf die vielfältigen Gaben des Heiligen Geistes, der uns immer wieder zu neuen Ufern lockt. Jede Gemeinde sollte so in der Lage sein, seelsorgerisch aktiv und Salz der Erde und Licht für die Welt zu sein. 

Kirchengemeinderätinnen
Beate Jakob & Stefanie Wahle-Hohloch

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Leiten oder Begleiten?

Pfarrer Ulrich Skobowsky (US) im Gespräch mit der Redaktion (HB) zum neuen Gemeindemodell für die katholischen Gemeinden in Tübingen 

HB: Durch den Priestermangel werden Aufgaben an Laien übertragen. Herr Skobowsky, ist Mangel eine gute Motivation, nach dem Motto: Wir brauchen euch nur, wenn es zu wenige Priester gibt? 
US: Erste Gegenfrage: Was heißt „Laien“? Ich halte dieses Wort für sehr unglücklich und aufschlussreich. Denn es wird im Deutschen oft mit „unprofessionell“ gleichgesetzt, losgelöst von seiner ursprünglichen Herkunft vom griechischen „laos“ für „Volk“ (Volk Gottes). Zweite Gegenfrage: Was heißt Mangel? Aktuell ist nur noch ein Leitender Pfarrer für 18.000 Katholikinnen und Katholiken in Tübingen zuständig (im Team mit einer Handvoll verschiedener hauptberuflicher pastoraler Dienste). Das bedeutet für mich einen eklatanten Personalman-gel – erst recht im Vergleich mit den evangelischen Schwestergemeinden. Zugleich, bei allem Ärger über die Unbeweglichkeit der Kirchenleitung: Da sind 18.000 Menschen! 18.000, die bei der Taufe zu „Priestern, Königen und Propheten“ gesalbt worden sind. Das heißt doch was! Und: wenn nicht jetzt, wann dann! Insofern auch meine dritte Gegenfrage: Wer ist dieses „Wir“ in „Wir brauchen euch“? Woher definieren wir uns? Ich weigere mich immer noch, wie ein angepasstes (oder trotziges?) Kind „nach oben“ zu schauen – zu denen, die es richten sollen. Denn: Gottes Geist weht, wo er will.
Und das erlebe ich tagtäglich. Gerade „unten“. Das wird doch auch im Synodalen Weg deutlich, den unsere Kirche in Deutschland geht.

HB: Für welche Themen bzw. Tätigkeitsbereiche sollen die ehrenamtlichen Leitungsteams zuständig sein? Welche Befugnisse haben sie – und welche nicht? 
US:
Die Arbeitsbereiche hängen im Detail sicher von der jeweiligen Gemeinde ab und müssen gut abgesprochen werden. Mit dem Kirchengemeinderat, aus dem heraus das Leitungsteam gewählt wird, mit dem Leitenden Pfarrer und der Person aus dem Pastoralteam, die der jeweiligen Gemeinde zugeordnet ist (wir nennen sie momentan „Kontaktperson“). Allein schon das ist ein Prozess, der Zeit braucht. Oft ist es das operative Alltagsgeschäft zwischen den Sitzungen, wo schnell und unbürokratisch zu handeln ist, z.B. bei Fragen im Pfarrbüro. Oder auch bei Anfragen „von außen“, bei denen Gemeinde tätig werden oder sich positionieren muss. Da geht es schon auch um die Repräsentation der Gemeinde. 

HB: Also nur fürs „Kleinklein“?
US:
Nein, nein! Grundsätzlich bedeutet Leitung, die Grundaufgaben von Gemeinde im Blick zu haben und voranzutreiben: Diakonie (Glauben leben), Martyrie (Glauben bezeugen), Liturgie (Glauben feiern). Die wichtigen Entscheidungen dazu werden aber nach wie vor im Kirchengemeinderat getroffen. 

HB: Sollen, ja dürfen (!) Laien auch seelsorgliche Aufgaben übernehmen?
US:
Und ob! Es gehört seit Jahrzehnten zum Selbstverständnis unserer Diözese, dass die Gemeinde (!) „Trägerin der Seelsorge“ ist. Jede Tochter, die am Krankenbett die Hand hält, jeder Vater, der sein Kind tröstet, jede Frau, die nach ihrem betagten Nachbarn schaut – tut Seelsorge. Ausgerechnet die Notfallseelsorge arbeitet überwiegend mit Ehrenamtlichen. Meine Aufgabe als Pastor („Hirte“) und die des Pastoralteams ist es, die Mitglieder der Gemeinde in diesem Dienst der Nächstenliebe zu begleiten und zu ermutigen. Spätestens dort freilich, wo in der Seelsorge professionelle Erfahrung gefordert ist, sind die Hauptamtlichen dran.

HB: Ganz andere Baustelle: Haben die geplanten ehrenamtlichen Leitungstrios der Tübinger Kirchengemeinden Weisungsrecht gegenüber Angestellten der Gemeinde? 
US:
Das ist durchaus realistisch. Dazu braucht es aber: klare Rahmenbedingungen, etwa wie sie die Rottenburger Arbeitshilfe „Freiräume gewinnen durch Delegation“ aus dem Jahr 2010 (!)
vorsieht, und eine verlässliche Rückbindung an den Leitenden Pfarrer. Einfach, damit Überforderungen frühzeitig erkannt und auf Dauer vermieden werden. Im Übrigen ist diese Konstellation in unserer Diözese gar nicht neu: Im BDKJ sind z.B. seit Jahrzehnten die gewählten ehrenamtlichen Diözesanleitungsteams der Jugendverbände auch Dienstvorgesetzte der hauptamtlichen Bildungsreferent*innen. Das läuft nicht immer konfliktfrei, aber es funktioniert.

HB: Wie werden die ehrenamtlichen Leitungsteams auf die teils doch anspruchsvollen Aufgaben vorbereitet? Gibt es Fortbildungen, Supervision?
US:
Wir sind da natürlich ganz am Anfang mit den Leitungsteams. Und doch arbeiten sie auf Grundlage der Strukturen, die unsere Kirchengemeindeordnung vorsieht. Ich meine die Gremienarbeit mit dem Kirchengemeinderat und seinen Ausschüssen und Arbeitsgruppen (Verwaltung, Soziales, Liturgie, Ökologie etc.). Da gibt es bereits Fortbildungen und Unterstützungsinstrumente, auf Dekanatsebene wie vom Institut für Fort- und Weiterbildung in Rottenburg. Hier müssen wir gut schauen, was die Leitungsteams brauchen. Und dürfen dabei auch die „Seele“ nicht vergessen, die geistliche Stärkung. Auch um uns zu vergewissern, warum und wohin wir miteinander unterwegs sind.

HB: Wie sehen Sie die Veränderungen für die Priester und Hauptamtlichen – weg vom Gemeindealltag mit tagtäglichen Begegnungen hin zu einer Konzentration auf ausgewählte Tätigkeiten? Lässt sich ein persönlicher Bezug zu den Menschen vor Ort so überhaupt noch herstellen, oder wird die Beziehung zwangsläufig anonymer?
US:
Es ist sicher richtig, dass ich zwangsläufig (und längst schon) weit weniger drin bin in den Einzelthemen und -aktivitäten meiner Gemeinden, verglichen etwa mit meinen evangelischen Kolleg(inn)en. Andererseits ist es ja gerade das Ziel des Leitungsteam-Modells, dass die Hauptamtlichen mehr Zeit fürs Kerngeschäft haben, eben auch in ihrer Funktion als Seelsorger(innen). Die Nähe zu den Menschen hängt aber immer vom Selbstverständnis der einzelnen Hauptamtlichen ab: Merke ich mir die Namen? Nehme ich mir Zeit fürs Gespräch – nach den Gottesdiensten oder Sitzungen? Lasse
ich sie spüren, wie wertvoll sie sind? „Ganz da sein im Augenblick“ – das ist meine persönliche Antwort inmitten aller Erwartungen und Überforderungen. Und da ist Jesus das beste Beispiel für mich.

HB: Angesichts der Altersstruktur in den Gemeinden, der Kirchenaustritte und der vielen Skandale in und um die Kirche halten wir die Annahme für optimistisch, es seien immer genug Menschen in den Gemeinden bereit, Aufgaben zu übernehmen: Was passiert also, wenn sich nicht genug Ehrenamtliche finden? 
US: Ich bin überzeugt: Wo wir vor Ort mitein-ander das Evangelium leben, auf Augenhöhe und unter Einsatz und Wertschätzung unserer Begabungen, da finden sich auch Menschen, die genau eine solche Gemeinschaft wollen. Ja, so erlebe ich Ehrenamtliche: Sie wollen die Rahmenbedingungen wissen – und bringen sich darin ein. Und zwar richtig, wenn jene für sie stimmig sind! Kirche als Überzeugungsgemeinschaft also, durchaus bunt und vielfältig. Christsein als aktives „Gläubigsein“. Das Gegenstück dazu sind Menschen, die ihr Christsein als Kirchen-„Mitgliedschaft“ verstehen, mit dem Anspruch auf professionelle Erfüllung ihrer persönlichen Dienstleistungserwartungen (ich spitze es etwas zu!). Ich meine damit nicht nur diejenigen „passiven Mitglie-der“, die an den wenigen Knotenpunkten des Lebens auftauchen, sondern auch gewöhnliche „Sonntagschristen“ (Kirchenbesuch als Konsum: „schöne Kirchenmusik, gute Predigt“). Wenn das Modell „Kirchenmitgliedschaft“ dominiert, verkümmert Gemeinde zum bloßen Event- bzw. Gottesdienstort. Fällt das Personal vollends weg, können wir den Laden dichtmachen. Genau das will ich verdeutlichen. Und verhindern. 

HB: Welche Veränderungen erwarten, erhoffen oder befürchten Sie im Zusammenhang mit dieser neuen Aufgabenverteilung in unseren Gemeinden?
US:
Knackpunkt ist vielleicht genau dieses Wort „Veränderung“. Ich glaube: Nicht Veränderung steht an, sondern ein Neuanfang, ein wirklicher Paradigmenwechsel. Und der erfordert von uns ein radikales Umdenken. Bezeichnend: Das griechische Wort dafür ist metanoia! Ausgerechnet jenes Wort der Umkehr, das Jesus an den Anfang seiner Predigt stellt! „Denkt um, und traut der frohen Botschaft.“ (Mk 1,15) Glauben als Umdenken – und Vertrauen. Das ist neu, immer noch! Veränderung hieße lediglich, das bestehende Modell ein bisschen anzupassen, immer in der stillen Hoffnung, dass die „guten alten Zeiten“ zurückkehren werden. Davon müssen wir weg. Weg von der treuen Schafherde hin zur Gemeinschaft der guten Hirt(inn)en. Weg von der versorgten hin zur selbst sorgenden Gemeinde. Das geht nicht auf Knopfdruck! Das ist ein Prozess, ein anspruchsvoller Weg. Und er braucht eine Entscheidung, meine, deine, unsere. Jesus selbst sagt: „Ich bin der Weg…!“ (Joh 14,6) Das kann doch kein Zufall sein! 

HB: Welches sind Ihrer Meinung nach die größten Wünsche von Ehrenamtlichen der Tübinger Gemeinden an Sie, Herr Skobowsky?
US:
Dass ich persönlich für diesen gemeinsamen Weg einstehe – verlässlich, verbindlich und glaubwürdig. Dass ich hinter den Ehrenamtlichen stehe – mit Vertrauen und Entschiedenheit. Und: Dass ich erlebbar bin, „da bin“. Mit meinen eigenen Begabungen und Schwächen. Mit meinem Glauben, meinem Unglauben. Mit meiner Lebensgeschichte, meinen Erfahrungen und immer wieder diesem Staunen: Gott ist da mit seinem Geist! Er geht mit. Er lässt uns nicht im Stich.

HB: Wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Gemeindeleitung mit und durch Laien

Gemeindeleitung mit und durch Laien erscheint aus verschiedenen Gründen als Gebot der Stunde. Für das universale Kirchenrecht kommt sie jedoch nur für den Fall in Frage, dass eine vakante Pfarrstelle nicht wieder besetzt werden kann; dann können Laien an den Seelsorgeaufgaben beteiligt werden – freilich unter der Leitung eines mit den Vollmachten eines Pfarrers ausgestatteten Priesters. Auch die nach dem Zweiten Vatikanum eingerichteten Diözesan- und Pfarrpastoralräte haben rein beratenden Charakter.

Um Laien stattdessen partizipativ, kooperativ und verbindlich an Entscheidungen zu beteiligen, hat unsere Diözese Anfang der 1970er-Jahre als bis heute einzige in Deutschland das „Rottenburger Modell“ entwickelt, das sich durch eine Verschmelzung der Pastoral- mit den Katholiken- und den Kirchensteuerräten auszeichnet. Dadurch erhalten sie das Haushaltsrecht, die Gremienarbeit wird effizienter, Zielkonflikte werden vermieden, ein Durch-regieren von Bischof oder Pfarrer wird unmöglich. Der Pfarrer leitet die Kirchengemeinde nur zusammen mit dem KGR, dem er alle wesentlichen Angelegenheiten zur Beratung und Beschlussfassung vorlegen muss und der eine Doppelspitze aus Pfarrer und gewähltem Vorsitzenden besitzt, die ihn nach außen vertritt. Worauf die Diözese seit Jahrzehnten stolz ist, hat bei den Beratungen des Synodalen Wegs Modellcharakter. Zusammen mit einer von der Diözese propagierten Delegation von Amtsaufgaben an andere Mitarbeiter kann der Pfarrer zudem seine Arbeitsbelastung effektiv verringern.

Die Tübinger Kirchengemeinden entwickeln dies aktuell durch die Etablierung von Leitungsteams aus Ehrenamtlichen weiter. Mit ihren Charismen werden sie vom Objekt zum Subjekt der Seelsorge. Derartige Leitungsmodelle gibt es in verschiedenen Diözesen. Hauptamtliche verstehen sich darin nicht als „Vollversorger“, sondern als Ermöglicher des Handelns Ehrenamtlicher, die wiederum als Gemeindeälteste im Sinne von Apg 14, 23 erwählt oder bischöflich eingesetzt werden und für einzelne Seelsorgefelder verantwortlich sind.

Konsequent weitergedacht hat dies die Diözese Poitiers, wo schon in den 1990er Jahren längst nicht mehr alle Pfarreien besetzt werden konnten. Stattdessen entstanden „Secteurs pastoraux“, innerhalb derer man von einer Pfarreistruktur absah. Man ging davon aus, dass Kirche nicht dort lebt, wo es Pfarrer gibt, sondern wo ihre Grundvollzüge gelebt werden,
wozu von den Gläubigen „Équipes locales d’animation“ gebildet werden, deren Aufgabe die Belebung des Glaubens ist. Sie bestehen aus einem Koordinator und einem Schatzmeister, die von der Gemeinde auf drei Jahre gewählt werden, sowie drei durch die beiden berufenen Personen, die sich um die Förderung des Gebets und geistlichen Lebens, der Freude am Evangelium sowie der Notleidenden kümmern. Die Amtszeit der Équipe kann einmal um drei Jahre verlängert werden. Einer der im Secteur pastoral tätigen Priester begleitet
die Équipe. Der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner und der emeritierte Bischof von Aliwal in Südafrika, Fritz Lobinger, weisen aber darauf hin, dass die zunehmende Übertragung pfarrlicher Aufgaben auf Laien die Gefahr einer Überforderung derselben und einer Abwertung des Priesterberufs mit sich bringt, und der Vorsitz in der Eucharistiefeier an einen Priester gebunden bleibt. Mit größer werdenden pastoralen Räumen bei sinkender Zahl aktiver Priester führt dies dazu, dass entweder an einzelnen Gottesdienstorten immer seltener Eucharistie gefeiert werden kann, oder umgekehrt dies nur noch an wenigen zentralen Orten regelmäßig möglich ist. Deshalb fordern Zulehner und Lobinger, ehrenamtliche Gemeindeleiter zu einer neuen Art von Priestern zu weihen und so zu bevollmächtigen, Gottesdiensten vorzustehen. In Anlehnung an Röm 16 und 1 Kor 16 nennen sie diese „Korinth-Priester“ im Unterschied zu Priestern herkömmlichen Typs, die als „Paulus-Priester“ bezeichnet werden und deren Aufgabe es ist, missionarisch Gemeinden zu gründen und zu begleiten. Während sich die Zugangswege zum „Paulus-Priestertum“ nicht ändern würden und es bei dessen hauptamtlicher und zölibatärer Ausübung bliebe, könnten zu „Korinth-Priestern“ Frauen und Männer, Ledige und Verheiratete, Theologen und Laien geweiht werden. Auch wenn dies an das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen erinnert, geht es doch wie jede Forderung nach der Weihe von viri probati im Unterschied zu anderen Leitungsmodellen über das hinaus, was bislang dogmatisch umsetzbar ist.

Kirchenrechtler Stefan Ihli