HeiligsBlättle 3/26
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Editorial
Pfingsten ist kein frommer Feiertag am Rand – es ist der geistliche Urknall. Ein Moment, der alles verändert. Die Jünger begreifen plötzlich, wer sie sind und wozu sie gesandt werden. Der Heilige Geist sprengt verriegelte Türen. Aus Angst wird Mut, aus Rückzug Bewegung, aus Enge Weite. Kirche beginnt nicht mit Mauern und Hierarchien, sondern mit einer leidenschaftlichen Community, die brennt.
Pfingsten ist das Wunder radikaler Verständigung – die Gegengeschichte zum Turmbau von Babel. Wo Worte trennten, wächst Nähe. Wo Grenzen verliefen, entsteht Verbindung. Eine Dynamik setzt ein, die bis heute trägt. Die Publizistin Susanne Haverkamp nennt es die „unfassbare Beweglichkeit“ der ersten Christen: Sie probierten aus, hinterfragten Gewohntes, riskierten Neues – im Vertrauen auf einen Gott, der lebendig ist, überraschend, Beziehung in Person.
Genau das brauchen wir jetzt: Aufbruch statt Abgesang, Hoffnung statt Erschöpfung. Pfingsten macht aus Zögernden Pioniere. Auch hier in Tübingen kommen Christinnen und Christen aus unterschiedlichsten Sprachen und Kulturen zusammen und feiern gemeinsam Gottesdienst. Vielfalt ist hier kein Schlagwort, sondern gelebte Wirklichkeit. Und vielleicht beginnt der nächste Aufbruch genau dort, wo wir uns vom Geist bewegen lassen – miteinander, mutig, jetzt. Ihr Karl-Heinz Röll
Das Pfingstwunder:
Fassungslos hörte jeder die Jünger in seiner eigenen Sprache reden.
1 Zum Beginn des jüdischen Pfingstfestes waren alle, die zu Jesus gehörten, wieder beieinander. 2 Plötzlich kam vom Himmel her ein Brausen
wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich versammelt hatten. 3 Zugleich sahen sie etwas wie züngelndes Feuer, das sich auf jedem Einzelnen von ihnen niederließ. 4 So wurden sie alle mit dem Heiligen Geist erfüllt und fingen an, in fremden Sprachen zu reden, jeder so, wie der Geist es ihm eingab. 5 In Jerusalem hatten sich viele fromme Juden aus aller Welt niedergelassen. 6 Als sie das Brausen hörten, liefen sie von allen Seiten herbei. Fassungslos hörte jeder die Jünger in seiner eigenen Sprache reden. 7 »Wie ist das möglich?«, riefen sie außer sich. »Alle diese
Leute sind doch aus Galiläa, 8 und nun hören wir sie in unserer Muttersprache reden; 9 ganz gleich ob wir Parther, Meder oder Elamiter sind. Andere von uns kommen aus Mesopotamien, Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, 10 aus Phrygien, Pamphylien und aus Ägypten, aus der Gegend von Kyrene in Libyen und selbst aus Rom. 11 Wir sind Juden oder Anhänger des jüdischen Glaubens, Kreter und Araber. Doch jeder von uns hört diese Menschen in seiner eigenen Sprache von Gottes großen Taten reden!« 12 Erstaunt und ratlos fragte einer den anderen: »Was soll das bedeuten?« Apg 2, 1 bis 12
Pfingsten ist bei uns jeden Sonntag
Sechs Menschen aus vier Kontinenten sitzen um einen Tübinger Tisch. Sie kommen aus Afrika (Kamerun), Amerika (Brasilien), Asien (Indien) und Europa (Italien und zweimal Deutschland). Und eigentlich soll es bei dem Gespräch im Gemeindezentrum in der Bachgasse um die Fragen gehen: Erleben wir auch heute Pfingsten? So wie die Jünger, von denen die Apostelgeschichte berichtet? Als der Heilige Geist auf sie herabkam und alle Menschen, denen die Jünger predigten, sie verstanden, obwohl sie ganz unterschiedliche Sprachen sprachen? Doch daraus wird nichts. Zunächst nichts.
Denn das Gespräch, zu dem zwei Redakteure des HeiligsBlättle vier Christen eingeladen hatten, die alle nicht in Deutschland geboren sind, schlägt zunächst eine ganz andere Richtung ein. Erst einmal schildern die Gäste die Unterschiede, die sie zwischen der Kirche in Deutschland und den Kirchen in ihren Ursprungsländern erleben. Und halten den Tübingern dabei manchmal den Spiegel vor. Da sind zum Beispiel die Erfahrungen von Breno. Seit 2023 ist er für ein Medizinstudium in Deutschland. Ihm fällt auf: »In Brasilien sind mehr als 90 Prozent der Bevölkerung Christen und davon rund zwei Drittel katholisch.» Die Kirchen seien voll. »Wenn ich nicht eine Stunde vor Beginn der Messe in der Kirche bin, muss ich stehen.» Als der 22-Jährige zum ersten Mal in Deutschland eine Messe besucht hat, fragte er sich angesichts der übersichtlichen Besucherzahl: »Sind das alle?«
In der Heimat geht Breno meist in einem Benediktinerkloster in den Gottesdienst. Das Hochamt dort ist auf Latein. Er liebt es. Wäre Latein die alle verbindende Sprache des Heiligen Geistes? Wohl eher nicht. Selbst die Brasilianer, erläutert Breno, die mit Portugiesisch ja eine romanische Sprache sprechen, helfen zum besseren Verständnis mit einem zweisprachigen Gottesdienstblatt nach.
»Es fehlt in Deutschland so wenig!«
Mehr als die wenig vorhandene Reliquienverehrung oder die bunten Marienbilder, vor denen sich ein Brasilianer automatisch verneigt, vermisst Breno in Deutschland eine bestimmte Einstellung: »Dankbar sein für alles, was gut ist! Es fehlt in Deutschland so wenig!« In Brasilien gebe es Menschen, die nichts anderes hätten als Gott und die überzeugt seien: »Nur Gott kann mir helfen!« Breno möchte nicht, dass es den Menschen schlechter geht, damit sie zum Glauben finden. Getreu dem Motto: Not lehrt beten. Aber er meint: »Auch wenn es mir gut geht, ist Gott wichtig!«
Als Leokady 2009 aus Kamerun nach Deutschland kam, lebte sie zunächst in einer Flüchtlingsunterkunft. Schnell wurde sie dort zur Dolmetscherin. Ihre Muttersprache ist Guemba und sie kann auch Französisch, weil das die Amtssprache in dem Teil von Kamerun ist, in dem sie lebte. »Ich habe aber nur wenig deutsch gesprochen. Trotzdem sind Menschen zu mir gekommen, die kein Deutsch, Französisch oder Englisch sprechen, ob ich sie auf die Behörde begleite. Ich weiß auch nicht, warum ich die verstanden habe, aber irgendwie hat es geklappt.« Das sei schon so etwas wie Pfingsten.
Heute lebt die Schneiderin längst nicht mehr in der Flüchtlingsunterkunft. Aber sie begleitet weiterhin Flüchtlinge und hat ein großes Netzwerk aufgebaut, über das Pfingsten nicht nur sprachlich konkret wird: »Der eine braucht Teller, die andere Tassen oder ein Kinderbett – und ich lerne immer wieder Menschen kennen, die mir genau das schenken, sodass ich es weitergeben kann.«
»In Afrika ist ein
Kirchenraum etwas
Besonderes«
In den Gottesdiensten in Tübingen fällt Leokady immer wieder auf, »dass es vor und nach den Gottesdiensten so laut ist. Selbst in der Sakristei,« sagt die 41jährige, die in St. Michael auch Messnerdienste übernimmt. »In Afrika ist ein Kirchenraum etwas Besonderes, da ist man leise.» Trotzdem besucht sie in Deutschland bewusst keine afrikanischen Gottesdienste, die es etwa in Reutlingen gibt. »Wenn ich in Deutschland bin, will ich auch in einen deutschen Gottesdienst gehen.«
»Was ist das, eine Wortgottesfeier?«
Das sieht Valentina ähnlich. Zwar besucht sie eigentlich immer die alle vier Wochen angebotenen italienischsprachigen Eucharistiefeiern in St. Petrus, sonst geht sie jedoch nach St. Johannes in einen Gottesdienst. Dabei fällt ihr im Vergleich mit ihrem Heimatort Livorno in Italien auf, dass Kirche in Deutschland immer noch reich und von Hauptamt-lichen geführt ist. »In Livorno gibt es keinen Messner, keinen Hausmeister oder einen hauptamtlichen Musiker. Das muss alles von Ehrenamtlichen getragen werden.« Andererseits seien die Katholiken in Italien, was Gottesdienste angeht, sehr viel traditioneller als in Deutschland. Wenn sie einem Italiener sage, dass sie in einer Wortgottesfeier gewesen sei, würde der fragen: »Was ist das?«
Valentina ist bereits seit 2004 in Deutschland und arbeitet als Wissenschaftliche Angestellte im Fach Romanistik an der Tübinger Uni. Aber auch nach 22 Jahren in Deutschland ist sich die 48-Jährige in einem Punkt mit allen anderen Gesprächsteilnehmern einig: Das persönliche Gebet findet immer in der Muttersprache statt. Selbst Breno, der in Brasilien gerne an Gottesdiensten auf Latein teilnimmt, meint: »Das Credo will ich nur auf portugiesisch. Das ist Heimat für mich.«
Für Albert, den Inder in der Runde, ist die Muttersprache Malayalam. Er studiert seit drei Jahren in Tübingen katholische Theologie mit dem Ziel, Priester zu werden. »Die Menschen in Indien sind insgesamt sehr religiös und die Kirche wächst, auch wenn sie in einigen Bundesstaaten im Norden verfolgt wird«, sagt der 25-Jährige. Generell gebe es in Indien aber einen großen Respekt vor anderen Religionen. Er selbst stammt aus dem südwestlichen Bundesstaat Kerala. »Wenn wir eine große Prozession machen, dann schmücken auch Hindus ihre Häuser mit Lichtern.«
Der Glaube, davon ist Albert überzeugt, wird nicht nur von der Kirche weitergegeben, sondern in der Familie. Deshalb sind für ihn sowohl das tägliche Abendgebet in der Familie als auch die Hausgottesdienste seiner Heimat wichtig. »Das wäre vielleicht bei all den anstehenden Strukturreformen auch ein Modell für Deutschland.«
Bei den Hausgottesdiensten, die in der Regel ohne einen Priester stattfinden, treffen sich Familien am Sonntag, an Feiertagen oder an einem passenden Wochentag zum gemeinsamen Gottesdienst bei einer Familie. »Da können schon 30 Erwachsene und Kinder in einer Wohnung zusammenkommen. Manchmal sind es sogar noch mehr, dann gehen wir in den Hof oder den Garten der jeweiligen Familie.« Die Familien treffen sich nicht nur zum Gottesdienst, sondern besuchen sich und helfen sich gegenseitig.
»Ist das nicht auch Pfingsten?«
In Tübingen geht Albert am Sonntag meist in St. Johannes in den Gottesdienst. Dabei fällt ihm auf: »Da nehmen Menschen aus ganz vielen Nationen aktiv teil.« Und er fragt: »Ist das nicht auch Pfingsten?«
»Gott ist größer als wir alle.«
Vielleicht merken wir manchmal gar nicht, wie oft Pfingsten ist. Obwohl der Heilige Geist ganz offensichtlich da ist und Menschen aus unterschiedlichsten Ländern zu uns führt. Obwohl der Geist der Einheit uns zusammenführt – wie das auch bei dem intensiven Gespräch spürbar war. Bei allen Unterschieden, die dennoch bleiben. Aber mit einem gemeinsamen Ziel – das Valentina zum Schluss noch einmal über das Christentum und die Kirche in Tübingen hinaus weitet: »Gott ist größer als wir alle. Jeder einzelne Mensch ist viel zu klein, um allein die Wahrheit zu enthalten – und deshalb müssen wir uns so viel wie möglich öffnen.« Ludwig-Michael Cremer/Anne Thillosen