„Willkommen zu Hause…“

Immer wieder höre ich diesen freundlichen Gruß, wenn mir in den letzten Tagen „alte Bekannte“ begegnen, seit mich die Umzugsleute nach allen Regeln der Kunst Anfang August aus dem lieblichen Taubertal in die Münzgasse verfrachtet haben. Dabei bin ich eigentlich auf der Alb geboren, in Wiesensteig nahe beim Filsursprung. Der Schulleiter-Beruf des Vaters führte uns sechs Ende der 70er nach Plüderhausen an der Rems. Nach dem Abitur in Schorndorf ging es zum Studium nach Tübingen und Lyon, die praktische Ausbildung bis zur Priesterweihe war in Rottenburg und Stuttgart-Vaihingen. Auf das Vikariat in Giengen an der Brenz folgten vier Jahre als Repetent am Wilhelmsstift. In den Dekanaten Biberach und Saulgau sammelte ich ab 2004 kostbare Erfahrungen als Jugendpfarrer. Die Sicht auf Kirche aus dem Blickwinkel Jugendlicher hat mir Herz und Augen geöffnet in so manchem. 2010 ging der Weg weiter ins Taubertal. Als Pfarrer der Seelsorgeeinheit L.A.M.M. Bad Mergentheim und als Dekan bekam ich nachhaltig Einblick in komplexe Leitungsstrukturen aufgrund des schon seit Deutschordenszeiten gewachsenen sozialen Gemeindeengagements in unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen. Auch der Spagat zwischen den Ansprüchen der am Ende neun Gemeinden, darunter die nördlichste und kleinste in Württemberg, Simmringen, mit 40 (!) Katholiken und einem Kirchenschlüssel in jedem Haushalt. Und jetzt Tübingen. „Willkommen zu Hause…“ 20.000 Seelen – das hört sich weiß Gott nicht nach Gemütlichkeit an. Doch wenn ich in die fränkische Nachbarschaft meiner bisherigen Zuständigkeit schaue oder in die badische, wo etwa zurzeit aus 61 Gemeinden ein bis zwei Seelsorgeräume entstehen sollen, dann muss ich kein Prophet sein, um zu wissen, dass „einfach weiter so“ von gestern ist. Auch bei uns. Wie soll das gehen? Ja, Kirche kommt mir manchmal so vor wie ein verzweifelter Stocherkahn-Azubi, der von Ufer zu Ufer hin und her eiert. Dabei frage ich mich: War da nicht was? 1962-65 in Rom? Haben wir nichts zu sagen? Drei Mutmacher kommen mir in den Sinn: Zum einen Ignatius von Loyola: „Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit.“ Die Welt ist, wie sie ist. Und Gott ist immer noch da. Und glaubt an uns. Dann P. Johannes XXIII.: „Wer glaubt, der zittert nicht!“ Er/Sie bringt höchstens andere zum Zittern, die gemeint hatten, das Thema sei zu Ende. Und schließlich der Ausruf P. Benedikts XVI. in seiner ersten Predigt nach dem Amtsantritt: „Die Kirche lebt, und die Kirche ist jung.“. Wo gilt das, wenn nicht in Tübingen, der „jüngsten“ Stadt im Ländle? Diese euphorische Feststellung ist mindestens so sehr eine Herausforderung, die uns alle angeht (wenn wir an uns glauben!): Da ruft einer! Mich! Uns! Jetzt! Wir sind gefragt. „Die Kirche ist jung.“ Alter? Zweitrangig – wie so vieles. Was zählt: dass unser Ja jung bleibt! Dass es ehrlich ist und liebevoll, (selbst)kritisch und achtsam, zupackend und beherzt. Dann sind wir Kirche Jesu, ohne zu zittern. Ein Zuhause mit offenen Türen. Dazu will ich mein Ja zur Verfügung stellen und freue mich auf Ihres, auf Deines. Ulrich Skobowsky, Pfarrer in Tübingen